Wie sich Lokaljournalismus ändern muss, #deutschlandspricht und Radioprobleme: Die Lieb-Links vom Juni

Lieber Blogleser, liebe Blogleserin, auch im Juni gab’s Artikel zum Thema Medien sowie gute Reportagen, die zu schade sind, um sie in der Infoflut untergehen zu lassen.

So zur Vertrauenskrise des Journalismus: Schon oft bejammert und analysiert. Der Deutschlandfunk hat mehrere Studien dazu unter die Lupe genommen. Fazit: Mehr Distanz zu den Mächtigen würde gut tun. Journalisten sind mittlerweile zu oft Teil der Elite. Zudem kommen zu viele Themen „von oben“, doch zu wenige „von unten“ in die Agenda. Also: Arbeiter und Bauern in die Redaktionen! Oder wie früher in der DDR Volkskorrespondenten heranziehen. Der ganze Artikel dazu hier.

Volkskorrespondenten im Leipziger Ratskeller 1952. Quelle: Deutsche Fotothek
Volkskorrespondenten wurden in der DDR oft die freien Mitarbeiter der Lokalzeitungen genannt: Eine wichtige Form der Massenverbindung des sozialistischen Journalismus, wie es damals hieß. Hier ein Lehrgang in Leipzig 1952. (Quelle: Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 creativecommons.org, via Wikimedia Commons])
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Lieb-Links vom April: Lächelnde Londoner, rebellierende Buchhändler und Günter Walraff

Liebe Blogleser, hier zum Monatsanfang die Lieb-Links vom April: Interessante Artikel, ungewöhnliche Fotos und Posts – und was die Journaille sonst noch zu bieten hatte.

Wer mal in London war, kennt die Hektik in der Tube – und wie sich die meisten mit unbeweglicher Miene durch die Rush Hour bewegen. Und nun das: Viele Pendler, die mitten im dicksten Berufsverkehr in der Station Bank in die Kamera lächeln! Ein Meisterstück der Koordination, oder? Das muss dem Instagramer „6stops“ erstmal einer nachmachen. Mit diesem Foto hat er einen Wettbewerb des Evening Standard gewonnen – und über 50.000 Likes bei Instagram gesammelt.

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Lieb-Links vom März: To-do-Liste für Briten, die Lausitz in 360 Grad und die TV-Serie „Legion“

Liebe Blogleser, sorry, ich bin noch die Lieb-Links vom März schuldig! Themen anders als sonst aufgemacht, gut geschriebene Reportagen, außergewöhnliche Fernsehserien – hier sind sie.

Das stärkste Medieninteresse hierzulande zog im letzten Monat ja der Merkel-Besuch bei Trump auf sich. Damit verbunden reichlich Szenen, die zeigten wie fremd sich beide Staatslenker offenbar sind. Genügend Material für lustige GIF’s – und diese Animation hier ist meiner Meinung nach besonders geglückt :-).

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Lieb-Links von Februar: Über Neukölln, Podcast-Liebe und den Medienkonsum der Kubaner

Gutgemachten Journalismus oder interessante Medien-Artikel teile ich gern bei Twitter. In der Tweetflut gehen sie aber schnell wieder verloren – deshalb gibt’s ab jetzt die „Lieb-Links“: Themen anders als sonst aufgemacht, gut geschriebene Reportagen, Sachen die man selten liest.

So ist sehr unterhaltsam, was der Independent-Ableger indy100 aus dem Treffen zwischen Angela Merkel und Justin Trudeau gemacht hat: Eine ganze Fotoserie im Stil einer, ja, Liebesstory (Foto: ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images).

Ein Abendessen der beiden hat die Fantasie der Journalisten gehörig angefacht: indy100, „Justin Trudeau and Angela Merkel had a candlelit dinner and the internet lost it“

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„Wichtiger noch als elegantes Schreiben sind Wühlerqualitäten“: Sechs Tipps für frische Freie von Reporter Ulrich Wolf („Sächsische Zeitung“)

2015 wurde er zum „Journalisten des Jahres“ gewählt, im April 2016 erhielt er gemeinsam mit zwei seiner Kollegen den Wächterpreis der deutschen Tagespresse: Ulrich Wolf von der Sächsischen Zeitung in Dresden. Das Medium-Magazin lobte ihn für seine Recherchen zur Vergangenheit von Pegida-Gründer Lutz Bachmann, und weil er sich Montag für Montag erneut zwischen die Pegida-Demonstranten stellte, trotz Pöbeleien und persönlicher Angriffe. Reporter in Dresden, der Pegida-Stadt: In deutschen Lokalredaktionen dürfte es wohl kaum einen Job dieser Art geben, der in den letzten Monaten herausfordernder war. Hier, wo Brüche in der Gesellschaft deutlicher zu Tage treten als anderswo, Journalisten auch tätlich angegangen werden und zudem die Polizei manchmal ganz eigene Auffassungen von Pressefreiheit vertritt. Was rät einer, der in solchem gesellschaftlichen Klima arbeitet, jungen Kollegen? Rät er überhaupt zum Schritt in die Medien? Auf jeden Fall, sagt Ulrich Wolf: „Denn Journalismus wird wieder wichtiger in seiner Funktion als Schleusenwärter, als Orientierung in der Flut von Infos und Gerüchten“, begründet der 51-jährige. 

Seine Recherchen zur Vergangenheit von Pegida-Gründer Lutz Bachmann haben ihn über Dresden hinaus bekannt gemacht: Ulrich Wolf ist Reporter bei der "Sächsischen Zeitung". Foto: kairospress
Seine Artikel und Recherchen zu Pegida und zur Vergangenheit von dessen Gründer Lutz Bachmann haben ihn bekannt gemacht: Ulrich Wolf ist Reporter bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden. Foto: kairospress

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„Bloß nicht Journalismus studieren – und sich streitbar in die Redaktion einbringen“: Sieben Tipps für frische Freie von „Tagesspiegel“-Redakteur Sidney Gennies

2008 lobte ihn die „Main-Post“ für seine gelungene Rede als Schülersprecher auf einer Abiturfeier. Acht Jahre später ist Sidney Gennies bei einer der wichtigsten deutschen Tageszeitungen in einem der bedeutendsten Ressorts zu Hause: Beim Tagesspiegel ist er mit zuständig für „Die Dritte Seite“. Traditionell das Print-Aushängeschild, mit großen Reportagen und investigativen Stories. Ein großer Sprung also – mit vielen Zwischenstationen: Mit 15 war er bereits freier Schreiber bei der Lokalzeitung in Bad Neustadt und später in Würzburg, studierte nach dem Zivildienst Islamwissenschaften an der FU Berlin und der American University in Kairo. Das Volontariat absolvierte er beim Tagesspiegel. Als freier Journalist war er unter anderem für ZEIT-Online und jetzt.de tätig. Mit 24 setzt ihn das medium magazin auf die Liste der 30 besten Journalisten unter 30.

Sidney GenniesFoto: Kai-Uwe Heinrich
Sidney Gennies ist beim „Tagesspiegel“ mit verantwortlich für das Aushängeschild der Zeitung, die dritte Seite. Foto: Kai-Uwe Heinrich/Tagesspiegel

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Minireportagen: Beispiele, wie Geschichten in Kürze erzählt werden

Reportagen und Dokus sind die Königsklasse auch im Fernsehen: Der halb- oder einstündige Sendeplatz – das Traumziel vieler Journalisten. Es geht aber auch kürzer, vor allem bei Videoreportagen im Web. Schon gut vier Minuten reichen aus, um das Hauptziel einer Reportage zu erreichen: Einblick in andere Lebenswelten zu geben, von denen Zuschauer sonst ausgeschlossen sind. Weiterlesen

Kriegsreporter auf eigene Faust

Jonathan Stock

Im Frühjahr brach Jonathan Stock nach Libyen auf, wurde prompt von Spiegel Online angestellt – und wieder entlassen, als er eigenmächtig nach Syrien weiterreiste. Das Reporter-Forum hat den 28-jährigen interviewt, der ohne etwas über das Gaddafi-Land zu wissen einfach losfuhr. Er traf berühmte US-Reporter wie Jon Lee Anderson – und erzählt, unter welchen Umständen in Kriegsgebieten Nachrichten entstehen. Ein hochspannendes Interview, mit dem Eingeständnis: „Krieg ist furchtbar … Andererseits: für einen Journalisten sind solche Krisensituationen natürlich perfekt.“ Stock, der einst von Schleswig-Holstein nach Indien trampte, hat die Henri-Nannen-Schule besucht und twittert unter @jonathanstock.

Ein Universalwerk für’s digitale Zeitalter

Journalismus und Medienbranche stecken im radikalen Umbruch – doch die Lehrbücher sind noch (fast) dieselben wie vor 30-40 Jahren. Ein neues Kompendium muss her, überlegte der Journalist und Dozent Christian Jakubetz laut in seinem Blog – und löste großes Echo aus. Nun sind die ersten Leseproben für das Buch gesammelt, das den Titel „Universalcode – Journalismus im digitalen Zeitalter“ tragen soll. Und der (medienaffinen) Netzgemeinde dürften viele der Autoren gut bekannt sein: Unter anderem Dirk von Gehlen, Blogger und Chef von jetzt.de, Medienjournalistin und Twitterfan Ulrike Langer, der Journalist und Blogger Richard Gutjahr, Simon Kremer, der schon etliche große Multimediareportagen produziert hat. Und: Heribert Prantl ist dabei – er schreibt das Vorwort.  Weiterlesen

Förderer des Videojournalismus

10.000 Dollar für eine Auslandsrecherche und Mitarbeit an einem Pulitzer-Projekt: Das winkt den fünf Bestplazierten beim US-weiten Wettbewerb „Project:Report“, den Youtube und das Pulitzer Center für Krisenberichterstattung veranstalten. Nachwuchsjournalisten sollen per Video über Ereignisse berichten, die von klassischen Medien kaum oder gar nicht beachtet werden.

Seit anderthalb Jahren gibt es das Projekt – jetzt wurde erneut ausgezeichnet. Unter den preisgekrönten Beiträgen fällt vor allem einer über einen illegalen Arbeiter aus Haiti auf: Ein atmosphärisch dichter Einstieg, gut plazierte O-Töne der Protagonisten, dazu gut fotografierte Einstellungen – das Drei-Minuten-Stück „Floridas Modern Day Slavery“ von Paul Franz hat vieles, was eine gute Reportage ausmacht.

Übrigens hat das Pulitzer Center bei Youtube Clips mit generellen Tipps zum Videojournalismus eingestellt: Hier gibt u.a. Watergate-Aufdecker Bob Woodward einen kleinen Einblick, auf was es beim investigativen Recherchieren ankommt (zu finden in den Links auf der rechten Seite).

Lesen! Lesen! Lesen!

Wie schreibt man gute Berichte und Reportagen, wie packt man die Leser so, dass sie auch nach den ersten drei, vier Sätzen dranbleiben? Lehrbücher und Tipps dazu gibt’s viele: Dass der Text mit dem beginnen sollte, was einen als Reporter selbst am stärksten beeindruckt hat, dass eine Dramaturgie und besonders Konflikte Spannung verleihen – und so weiter.

Ein guter Weg, den eigenen Stil zu verbessern, ist natürlich auch der Blick auf die Texte anderer. Beispielsweise auf die von Charlotte Wiedemann: Ihre Reportagen beeindrucken durch einfache, sehr bildhafte Sprache – etwa dieser Text über einen Besuch in Penang in Malaysia. Oder Peter Linden, früher Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung: Auch seine Texte für die Zeit sind in klaren, niemals komplizierten Worten verfasst und dennoch äußerst plastisch.

Wenn Sie einen Text lesen, der Ihnen gefällt: Analysieren Sie, warum! Wie sind die Sätze konstruiert, welche Sprache wird verwendet? Mit welchem Bild steigt der Autor ein? Wie stehen seine Protagonisten zueinander in Beziehung, wie beschreibt er sie, was lässt er sie sagen? An welchen Stellen und nach wieviel Sätzen schafft er den Übergang von einer konkreten Szene, vom Besonderen also, hin zum Allgemeinen?

Viele gute und preisgekrönte Texte finden sich auch im „Reporter Forum“ – nebst Tipps gegen Schreibblockaden, zur Recherche oder wie man gute Themen findet.