Brutale Morde und sintflutartiger Regen: Vier Tipps gegen Floskeln

Die Floskelwolke von Udo Stiehl und Sebastian Pertsch ist seit mehr als einer Woche online, und die beiden Journalisten haben damit einen Nerv getroffen. Etwa 2000 Follower bei Twitter, ebensoviele bei facebook und dazu mehr als 200 Vorschläge – ein tolles Echo auf ein Projekt, das so simpel wie genial ist. Doch fangen wir mal anders an: Wie vermeidet man Floskeln? Was tun gegen die „furchtbaren Morde“, die „Spirale der Gewalt“ oder die „Schneise der Verwüstung“? Auch beim x-ten Bericht über Sommer-Unwetter, Weihnachtsmärkte oder den Nahost-Konflikt Formulierungen zu finden, die nicht abgegriffen sind – das fällt teilweise schwer, gerade unter Zeitdruck. Doch man kann die Floskelwolken schnell ausmerzen mit folgenden Tipps. Weiterlesen

Journalistendeutsch, Teil 9

der Einstimmer: Ein Kurzfilm zu Beginn eines (zumeist monothematischen) Fernsehmagazins, der das Hauptthema umreißt. Vor allem in Politmagazinen oder Wahlsendungen stellen sie knapp und oft pointiert den Zuschauern nochmal die wesentlichen Akteure und Entwicklungen vor. Weiterlesen

Journalistendeutsch, Teil 8

der „Gog“: „Gang ohne Grund“ vorbei an einer Kamera – beliebtes Motiv für die sogenannten Antextbilder, mit denen in einem Fernsehbeitrag neue Interviewpartner oder Protagonisten eingeführt werden.

der Ploppkiller oder Ploppschutz: ein Schaumstoffkörper, der über Radio- und Fernsehmikros gezogen wird – oft mit einem Senderlogo versehen. Er soll beim Ansprechen das ploppende Geräusch der „p“- und „t“-Laute verhindern, gleichzeitig dient er als leichter Windschutz. Übrigens ist eine Firma aus Ostwestfalen (Schulze-Brakel) weltweit Platzhirsch der Ploppschutzfabrikanten.

„Und bitte!“ – das „Action!“ in der aktuellen Berichterstattung. Gern gebraucht als Signalruf vom Kameramann, dass er aufnahmebereit ist und der Redakteur sein Interview starten oder der Protagonist seinen „Gog“ beginnen kann.

die SNG: eine typische Fernsehvokabel aus dem Englischen und Abkürzung für Satellite News Gathering. Damit ist zum einen das Übertragen von Bildern ins Funkhaus via Satellit gemeint. Zum anderen steht die Abkürzung für Fahrzeuge mit entsprechender Technik: meist Kleintransporter mit Schnittplatz an Bord und Satellitenschüssel auf dem Dach (Bild unten). Damit können nicht nur Beiträge direkt vor Ort geschnitten und ins Funkhaus überspielt werden, sondern eine Redaktion ist damit auch „live-fähig“ – kann also während einer Sendung zu einem Reporter nach draußen schalten. Eine SNG ist meist mit drei Mann unterwegs: dem Kameramann, dem Redakteur und dem Operator – letzterer ist Ton-Assistent sowie Cutter und bedient die Satellitentechnik zum Bildüberspielen.

Die Easy Link ist das technisch etwas abgespeckte – und damit kostensparendere – System: Eine Satellitenanlage, die auch von einem Redakteur allein bedient werden kann. Die Easy Link wird oft für kleinere Ereignisse eingesetzt, während SNG-Fahrzeuge bei länger andauernden Berichterstattungen von einem Ort losgeschickt werden.

SNG-Fahrzeug

Journalistendeutsch, Teil 7

etwas durchstechen: Ein schöner bildlicher Begriff, wenn über eine undichte Stelle in einer Behörde oder einem Unternehmen Vertrauliches an die Medien gelangt. „Durchstechen“ meint das gezielte Weitergeben von Informationen durch Insider – oft, um ein bestimmtes Thema in die Presse zu bringen.

Antextbilder: Fernseherfahrene Interviewpartner wissen bei dem Stichwort sofort, was zu tun ist: ein kurzer Gang vorbei an der Kamera, oder am Schreibtisch Akten durchblättern. Antextbilder sind die Einstellungen, mit denen in einem TV-Beitrag ein Protagonist vorgestellt wird. Im deutschen Fernsehen seit Jahrzehnten gern genommen: der Gang über den Flur. Vielen Zuschauern fallen solche Bilder kaum auf, da sie sich in unsere Sehgewohnheiten eingeschliffen haben. Bei der BBC entspann sich jedoch vor Jahren eine große Diskussion darüber, ob noddies oder walking-up set shots nicht zu gestellt und altmodisch wirken.

Stehsatz: Er ist so etwas wie die „stille Reserve“ einer Redaktion – fertig produzierte Beiträge bzw. Artikel, die in der aktuellen Sendung oder Zeitungsausgabe keinen Platz mehr hatten und demnächst veröffentlicht werden sollen. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Buchdruck und bezeichnete die einzelnen Bleisatz-Seiten, die man für spätere Neuauflagen einlagerte. Fast jede Redaktion pflegt einen Stehsatz – als Polster für nachrichtenarme Tage.

Eisbrecherfrage: „Wie zufrieden sind sie mit der Bundesliga-Saison?“ oder „Wann waren sie das letzte Mal im Theater?“: Mit solch einfachen, neutralen Fragen soll das Eis zwischen Journalisten und Gesprächspartnern gebrochen werden. Der Interviewte hat die Gelegenheit, sich „warmzureden“, und seine Reaktion hilft dem Redakteur, sich auf sein Gegenüber einstellen. Eisbrecherfragen haben das Ziel, ein angenehmes Gesprächsklima zu schaffen. Auch Markt- und Meinungsforscher bedienen sich solcher Fragen, um das Interesse des Befragten zu wecken.

Journalistendeutsch, Teil 6

Küchenzuruf: Der Begriff klingt etwas spießig, doch er zeigt, wonach Sendungs- und Zeitungsmacher jeden Tag suchen. Das Wort wurde von stern-Gründer und -Chef Henri Nannen geprägt. Es steht als Synonym für die klare Aussage eines journalistischen Textes/Beitrages – und für den Knalleffekt, den möglichst jede stern-Geschichte haben sollte. Das also, was man dem anderen überrascht oder empört in die Küche zuruft, während man selbst gerade Zeitung liest oder fernguckt. Wer die ganze Entstehungsgeschichte lesen will – bitte, hier ist sie.

etwas totrecherchieren: „Das habe ich schon irgendwo gelesen“ – mit diesem Einwurf von irgendeinem Kollegen in der Redaktionskonferenz beginnt für viele Themenideen oft das Totenglöcklein zu läuten. Es wird geprüft: Hatten wir das schon in gleicher oder ähnlicher Art, hatten es die Agenturen vor kürzerer oder längerer Zeit? Ist das Thema überhaupt aktuell und für unsere Leser bzw. Zuschauer relevant? Wer hat zu der Sache was zu sagen, und erreiche ich diese Leute auch? Je länger und intensiver dann recherchiert wird, desto wahrscheinlicher ist dieses Thema – gestorben. Tot, futsch, aus. Denn wer gründlich prüft, findet (fast) immer was.

Zwei-Quellen-Regel: Wichtige Nachrichten und Ereignisse sollten durch stets zwei – voneinander unabhängige! – Quellen belegt sein. Der Ursprung des obersten Prinzips journalistischer Recherche und Sorgfalt wird der BBC zugeschrieben. Die Zwei-Quellen-Regel ist mittlerweile in vielen Statuten von Nachrichtenagenturen, Rundfunksendern etc. verankert – wird im Eifer des Gefechts aber immer wieder mal vergessen oder falsch verstanden.

beauty shot: Der „Schönheitsschnappschuss“ setzt alles gut in Szene, was schick und hochwertig rüberkommen soll: das Hotel im TV-Reisemagazin, Sport-Events, Autos im Werbespot, der Park mit Rosen und Liebespaar in der Telenovela oder die Skyline einer Stadt. Da wird mit Licht gespielt, stundenlang auf den günstigsten Sonnenschein gewartet, postproduziert – ein hoher Aufwand für oft nur wenige Sekunden auf dem Bildschirm.

Saure-Gurken-Zeit: Besser bekannt als Sommerloch. In der Berichterstattung die Zeit der Sommerferien ohne Bundestagssitzungen – und ohne Bundesliga! Dann haben umgekippte Blumenkübel, geklaute Autos von Gesundheitsministerinnen und ausgebüchste Brillenkaimane Hochsaison. Blattmacher und Planungsredakteure graust es davor, für freie Redakteure sind’s meist gute Wochen: Fast jeder Themenvorschlag wird mit Kusshand genommen. Zum Ursprung des Begriffs „Saure-Gurken-Zeit“ gibt es verschiedene Erklärungen – mit Gurken aus dem Spreewald könnte es tatsächlich was zu tun haben.

Journalistendeutsch Teil 5

die Flurschelte: gemeint ist die Auswertungsrunde nach einer Sendung, zu der sich Redakteure und der verantwortliche CvD sammeln. Der Begriff ist vor allem in Fernsehredaktionen geläufig, z.B. bei den ARD- oder ZDF-Nachrichten. Zur Sprache kommen eventuelle technische Probleme in der Regie, ebenso redaktionelle Fehler oder was man den Zuschauern anschaulicher hätte erklären können. Oft hört man aber auch: „Haben wir gut gemacht“, „Das war schön eingeordnet“, „prima Beitrag“.

der CvD (Chef vom Dienst): in Fernseh- und Hörfunkredaktionen der Redakteur, der für eine Sendung den Hut auf hat – sowohl was die Auswahl, die Platzierung als auch die Aufbereitung der Themen angeht. Er nimmt alle geschriebenen Texte sowie die Beiträge ab.  Außerdem ist er für die Arbeitsorganisation im Team verantwortlich. Bei Tageszeitungen koordiniert der CvD v.a. die Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen wie etwa der Redaktion, der Anzeigenabteilung oder der Herstellung. Er ist z.B. verantwortlich dafür, dass die fertig layouteten Zeitungsseiten rechtzeitig ans Druckhaus übermittelt werden bzw. genügend Platz für die Anzeigen bleibt.

der Sitzredakteur: nur noch selten auftauchender Begriff für den im Impressum aufgeführten verantwortlichen Redakteur im Sinne des Presserechts. Als Deutschland noch einen Kaiser hatte, wurde der genannte Redakteur bei regierungskritischen, oftmals anonymen Beiträgen im Blatt auch mal inhaftiert. Da manche Blätter nicht wiederholt für längere Zeit auf wichtige Schreiber verzichten wollten, benannte man als verantwortliche Redakteure andere, auf die man leichter verzichten konnte und die die gerichtlich verhängten Haftstrafen dann „absitzen“ mussten.

„bunte Themen“ (soft news): alles, was nicht zu den sogenannten hard news zählt also zu den Nachrichtenkategorien Politik, Wirtschaft, Kultur, Soziales oder Wissenschaft und Technik. Das unerschöpfliche Thema Wetter ist ebenso „bunt“ wie Promi-News, Skurriles, Skandale oder Sex and Crime (hier und da als „Rotlicht – und Blaulichtgeschichten“ betitelt). Die Unterscheidung zwischen hard und soft news stammt aus dem US-Journalismus. Ob bunte Themen in der seriösen Berichterstattung eine Rolle spielen sollten oder nicht, wird unter Redakteuren immer wieder diskutiert. „Das gehört zur Lebenswirklichkeit“ und „sowas interessiert die Zuschauer/Leser“ sagen die einen – „banal“ und „schreierisch“ finden’s die anderen.

Journalistendeutsch, Teil 4

der Aufhänger: So bezeichnen Redakteure ein aktuelles Ereignis, das Anlass  gibt für eine breitere, tiefgründigere Berichterstattung zu einem Thema. Beispiel: Zum Bulgarienbesuch von Kanzlerin Merkel wird über die Aktivitäten deutscher Firmen in dem Balkanland berichtet.

das Antextbild: Eine Person läuft von links nach rechts durch’s Bild oder telefoniert am Schreibtisch, oder blättert am Schreibtisch in Papieren, oder steht von Schreibtisch auf und greift nach einer Akte im Bücherregal, oder … Üblich vor allem in Nachrichtenbeiträgen im Fernsehen, um Politiker, Wissenschaftler, Firmenchefs o.ä. ins Geschehen einzuführen und auf das anschließende O-Ton-Statement desselben hinzuleiten.

ein Round-up: Der „Rundumschlag“ eines Reporters – etwa das aktuelle Unwetterstück in den Fernsehnachrichten mit Bildern aus mehreren Bundesländern oder Regionen. Aufgabe des Redakteurs ist der generelle Überblick – meist sitzt er in der Senderzentrale und bekommt all seine Bilder von den Außenstudios zugeliefert.