„Bei Deep Fakes werden wir eine schnelle Entwicklung sehen“: Tipps von Journalist Bernd Oswald zum Verifizieren und Faktenchecken

Infos, Fotos und Videos auf Wahrheitsgehalt prüfen: Geht per Google. Oder Twitter. Und darüber hinaus? Verifikation ist seit Jahren eines der Buzzwords im Journalismus – trotzdem tauchen oft Fragen auf. Denn nicht jeden Tag muss jede Info aufwändig verifiziert werden. Gibt es das ultimative Rezept zum Verifizieren? Wie kommen wir raffinierten Schummeleien auf die Schliche? „Dafür musst du denken lernen wie ein Fälscher“, meint Bernd Oswald, Trainer und Journalist aus München. Früher bei sueddeutsche.de und heute bei BR24, sind die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf den Journalismus seit 2009 sein Lieblingsthema. In seinem neuen Buch Digitaler Journalismus. Ein Handbuch für Recherche, Produktion und Vermarktung beim Midas-Verlag beschäftigt er sich auch mit Methoden, wie man Fakten, Fotos und Filmsequenzen prüfen kann.

Bernd Oswald ist Digitaljournalist und Journalismus-Trainer aus München: „Beim Verifizieren muss man Detektivarbeit leisten und um die Ecke denken.“ (Foto: Andreas Unger)

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Wahlnacht in der BBC: Die Show der Zahlen und Stimmboxen-Sprints

Wahlen sind Großkampftage beim Fernsehen – und die Gelegenheit, es auch optisch mal so richtig „krachen“ zu lassen. Donnerstag Nacht ließ die BBC mal wieder sehen, dass sie beim Infodesign unter Europas Sendern wohl die Krone auf hat. Wahlsendungen zu schauen macht selten so viel Spaß.

Was da lief, war ein Feuerwerk an Grafiken: Die Abstimmungsergebnisse wurden zumeist in 3D visualisiert, und das Studio verwandelte sich abwechselnd in den Unterhaus-Sitzungssaal, die Downing Street oder die Innenräume des Big Ben-Glockenturms. Mittendrin Moderator Jeremy Vine, der mit viel Verve stundenlang Hochrechungen, Trends und neueste Entwicklungen erklärte.

Vine ist im britischen Fernsehen und Radio einer der bekanntesten und vielseitigsten Politpresenter – und hat Showerfahrung als Quiz-Moderator.  Mal spazierte er über eine überdimensionale Karte aller Wahlkreise, dann stand er vor dem Haus des Premierministers, später in der Lobby im House of Commons. Eine Wahlaufbereitung mit hohem Entertainmentfaktor: Ob das jedem so gefällt – besonders unter den deutschen Zuschauern – ist die eine Sache. Ideenreich gemacht ist es auf alle Fälle.

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Lieb-Links vom April: Lächelnde Londoner, rebellierende Buchhändler und Günter Walraff

Liebe Blogleser, hier zum Monatsanfang die Lieb-Links vom April: Interessante Artikel, ungewöhnliche Fotos und Posts – und was die Journaille sonst noch zu bieten hatte.

Wer mal in London war, kennt die Hektik in der Tube – und wie sich die meisten mit unbeweglicher Miene durch die Rush Hour bewegen. Und nun das: Viele Pendler, die mitten im dicksten Berufsverkehr in der Station Bank in die Kamera lächeln! Ein Meisterstück der Koordination, oder? Das muss dem Instagramer „6stops“ erstmal einer nachmachen. Mit diesem Foto hat er einen Wettbewerb des Evening Standard gewonnen – und über 50.000 Likes bei Instagram gesammelt.

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15 Titelblätter, die heute so nicht mehr möglich wären

„Ich hab da was geerbt, das könnte für dich interessant sein“, rief mich ein Verwandter vor Jahren an. Als wir uns trafen, drückte er mir ein dickes, Kilo schweres Bündel in die Hand. Tausende Blatt Papier, die an den Rändern oft schon etwas bröselten. „Alte Zeitungen, und du bist doch Journalist, kannst vielleicht was anfangen damit.“

Es waren Ausgaben der Berliner Illustrirten Zeitung, die ersten von 1911, die letzten von 1919. Warum sie aufgehoben wurden und auch in knappen Kriegszeiten nicht als Kohleanzünder endeten – keiner weiß es. Vielleicht, weil die BIZ einer der herausragenden Zeitungen ihrer Ära war, wie ich später las? Die erste richtige Illustrierte in Deutschland. Neu damals: Die vielen groß aufgemachten Fotos, dazu ein Mix aus paar aktuellen Nachrichten, dem Leserroman, etwas Kultur und Tratsch. Nicht zu schwer verdaulich, dennoch nicht belanglos, und immer auch patriotisch. Man hatte gern mal den Kaiser auf’m Titel. Zu Kriegszeiten wurden eigene Verluste meist verschwiegen, die der anderen dafür umso stärker herausgehoben.

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Sechs Newsletter von Journalisten, die für Journalisten interessant sein könnten

Wie oft die E-Mail schon totgesagt wurde! Altmodisch in der Handhabung, und viral kann sie auch nicht! Als Newsletter aber feiert sie seit kurzem fröhliche Revivals. Klar: Mails sind DAS Mittel zur Kundenansprache, schreibt fast jeder der vielen Onlinemarketing-Ratgeber. Auch mehr und mehr (freie) Journalisten nutzen den Elektrobrief und empfehlen sich so beispielsweise als Spezialisten für ein Themengebiet. Einen guten Newsletter zu finden ist manchmal gar nicht so einfach, habe ich selbst festgestellt. Und empfehle deshalb die folgenden gern weiter!

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pixabay.com, Fotografin: Anne-Onyme (CC0 Public Domain)

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Instagram: Wie Journalisten es nutzen können

China blockiert Instagram, hieß es am Montag. Viele werden sich gewundert haben, dass das Bildernetzwerk in Peking plötzlich als politisch gefährlich gilt. Zugegeben, ich habe Instagram auch lange eher für eine Schnappschuss- und Selfie-Plattform gehalten. Doch es gibt jede Menge gute Fotos, und für Journalisten kann der Kanal mittlerweile als Recherchequelle ganz interessant sein – schon allein wegen der schieren Zahl von etwa 60 Millionen Bildern, die laut Instagram täglich hochgeladen werden.

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Vorreiter mit ihrem Auftritt bei Instagram sind die BBC News.

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Brutale Morde und sintflutartiger Regen: Vier Tipps gegen Floskeln

Die Floskelwolke von Udo Stiehl und Sebastian Pertsch ist seit mehr als einer Woche online, und die beiden Journalisten haben damit einen Nerv getroffen. Etwa 2000 Follower bei Twitter, ebensoviele bei facebook und dazu mehr als 200 Vorschläge – ein tolles Echo auf ein Projekt, das so simpel wie genial ist. Doch fangen wir mal anders an: Wie vermeidet man Floskeln? Was tun gegen die „furchtbaren Morde“, die „Spirale der Gewalt“ oder die „Schneise der Verwüstung“? Auch beim x-ten Bericht über Sommer-Unwetter, Weihnachtsmärkte oder den Nahost-Konflikt Formulierungen zu finden, die nicht abgegriffen sind – das fällt teilweise schwer, gerade unter Zeitdruck. Doch man kann die Floskelwolken schnell ausmerzen mit folgenden Tipps.

Auf Floskelwolke.de sammeln Udo Stiehl und Sebastian Pertsch Formulierungen, die eigentlich auf eine Unwortliste gehören.
Auf Floskelwolke.de sammeln Udo Stiehl und Sebastian Pertsch häufig auftauchenden Phrasen.

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Minireportagen: Beispiele, wie Geschichten in Kürze erzählt werden

Reportagen und Dokus sind die Königsklasse auch im Fernsehen: Der halb- oder einstündige Sendeplatz – das Traumziel vieler Journalisten. Es geht aber auch kürzer, vor allem bei Videoreportagen im Web. Schon gut vier Minuten reichen aus, um das Hauptziel einer Reportage zu erreichen: Einblick in andere Lebenswelten zu geben, von denen Zuschauer sonst ausgeschlossen sind. Weiterlesen

Datenjournalismus selbst probiert – zweiter Schritt: die richtigen Daten finden

So, nachdem ich im ersten Schritt mich mit Excel angefreundet habe, kommt jetzt das Basteln mit Daten. Doch wie geht man am besten vor? Gibt es einen Step-by-step-Plan zur perfekten Datenstory?

Den typischen Workflow bei einer Analyse hat Simon Rogers, ehemaliger Dateneditor beim Guardian, auf seiner Website aufgezeichnet (eine deutsche Übersetzung von David Bauer gibt es hier). Die Vorgehensweise ist wie bei jeder Recherche: Am Anfang steht eine klar formulierte Frage, von der aus nach verfügbaren Zahlen gesucht wird. Dann also losgekramt!

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(Foto: Pixabay auf Pexels.com)

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Datenjournalismus selbst ausprobiert – erster Schritt: Excel begreifen

Mathe war nie mein Lieblingsfach, und das Statistikseminar an der Uni – naja, besser Schwamm drüber. Jetzt aber kasteie ich mich freiwillig mit Zahlenbergen und Excel-Tabellen: Denn ich will die Grundlagen des Datenjournalismus lernen, zumindest begreifen. Zum einen hoffe ich, dass man beim Datenkramen neue, interessante Themen und Zusammenhänge findet. Zum anderen gibt es immer mehr öffentlich verfügbare Daten, und der versierte Umgang damit wird ein Plus und vielleicht auch ein Muss für jeden (freien) Journalisten sein: „Daten sind das neue Öl“. In den kommenden Wochen und Monaten will ich hier ein kleines Datenjournalismusprodukt – zu welchem Thema, steht noch nicht fest – zustande zu bringen: als Infografik, als Tabelle, wie auch immer.

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Nachholebedarf im Umweltjournalismus

Gibt man bei Google das Stichwort „Umweltjournalismus“ ein, erhält man derzeit 5.450 Treffer, bei Amazon finden sich ganze sechs Bücher. Ziemlich dürr für ein so breites Themengebiet, das uns quasi täglich begleitet. Im Medium Magazin haben Torsten Schäfer und Marie-Luise Braun den Umweltjournalismus hierzulande unter die Lupe genommen – und einigen Nachholebedarf diagnostiziert. Weiterlesen

Die erste Nachricht über den Untergang der „Titanic“

"Berliner Illustrirte Zeitung" vom 28. April 1912
Die „Berliner Illustrirte Zeitung“ vom 28. April 1912

Der Eisberg als riesiges Totengespenst: Der Untergang der „Titanic“ vor 100 Jahren war auch für die Berliner Illustrirte Zeitung Titelthema. Das namhafte Wochenblatt berichtete in seiner Ausgabe vom 28. April – 2 Wochen nach der Katastrophe – in Zeichnungen und mit Fotos vom Untergang des Luxusschiffes. Hauptthema: Die Versuche der Schifffahrtsgesellschaft, den wahren Hergang der Katastrophe zu verschleiern. Weiterlesen

Eine Deutschstunde mit Wolf Schneider

Die Uni Passau hat den Journalisten und Sprachkritiker – der Stern betitelte ihn einst als „Levitenleser der Nation“ – zur Summer School eingeladen. Sein Referat über Sprache, Stil und Redigieren ist selbst in Auszügen brilliant.

Wer mehr von ihm hören will: In seinem Videoblog „Speak Schneider“ zieht er regelmäßig über Sprachschludereien her.

„Ein Qualitätsfundamentalist“, der als Chef der Henry-Nannen-Schule wohl ziemlich nerven konnte: Im ZAPP-Medienmagazin erinnern sich Journalisten an ihren Lehrmeister. Mit ihnen und mit den Medien generell geht Schneider noch immer gern ins Gericht: „Recherchieren finde ich im Übrigen … nicht mal das Wichtigste. Sondern das Allerwichtigste ist Misstrauen!“