Vor 50 Jahren: „Radio Prag“ und das Ende des Prager Frühlings

Widerstand per Radio und Fernsehen: Als in diesen Tagen vor 50 Jahren Truppen der sozialistischen „Bruderländer“ die Tschechoslowakei besetzen, gelingt ihnen eines nicht sofort: Die Massenmedien zu kapern. Mehrere Tage noch rufen die Mitarbeiter von Radio Prag zu Aktionen gegen die Besatzer auf, werden Appelle über das Fernsehen gesendet. Der Berliner Journalist Joachim Dresdner war in Prag, als das Land einen anderen Sozialismus wagte – einen mit Presse- und Versammlungsfreiheit. Als später die Reformbewegung niedergeschlagen wird, hört er die deutschsprachigen Sendungen von Radio Prag. Hier schildert er seine Beobachtungen von damals – und kürzliche Begegnungen in Tschechien.

Das Gebäude des tschechischen Rundfunks in Prag: Vor 50 Jahren riefen Journalisten von hier aus zu gewaltfreiem Widerstand auf. Foto: Joachim Dresdner

1967 suchte eine Prager Akademikerfamilie für einen ihrer Söhne nach einer Möglichkeit, die deutsche Sprache zu erlernen. Meine Eltern stimmten einem Austausch zu. Vor dem Besuch in Berlin, reiste ich für vierzehn Tage in die Böhmische Schweiz und nach Prag (Vinohradska 48). Pfingsten 1968 war ich erneut in Prag. In Berlin-Ostbahnhof stieg ich in den „Vindobona“-Express der Deutschen Reichsbahn, in jenes Zugteil, das vom Westberliner Bahnhof Zoo kam. Die Westberliner im Abteil wurden an der Grenze kurz abgefertigt. Nur ich musste meinen Koffer für eine vollständige Inhaltskontrolle aus der Ablage hieven.  „So gehen sie mit ihren eigenen Leuten um“, entsetzten sich die Mitreisenden.

Joachim Dresdner 1968 in Prag an der Moldau. Foto: Joachim Dresdner

In Prag war vieles anders: die Menschen heiterer (als 1967), die Zeitungen vielfältiger, genauso die öffentlich diskutierten Meinungen. In Künstlerklubs gastierten Stars aus dem Westen. Im Kino lief „Winnetou“ im Original von 1963 mit Untertiteln. Mich beschlich die Frage, wie das wohl weitergehen würde? Am 21. August 1968 kam die brutale Antwort. Ich dokumentierte seinerzeit Teile dieser Tragödie, vor allem die deutschsprachigen Sendungen von Radio Prag, und sammelte weitere Aussagen zum Ende des „Prager Frühlings“ 1968.

Kladno. 25 Kilometer nordwestlich von Prag: „Ich kann mich, als ich munter wurde, an dieses Geräusch der landenden Flugzeuge erinnern. Ich war damals in Kladno, relativ nahe beim Flughafen. Wir waren diese Geräusche der Flugzeuge gewohnt, aber wenn man jede Minute ein anderes Flugzeug hört, hört sich das anders an.“

In der Eisenwerkerstadt klingelt früh um Vier das Telefon. Ein Bekannter von der Post ruft an. Der Gymnasiast Jiří Hubička erfährt von dem Überfall:  „Nicht weit von unserem Haus war das Sekretariat der Kommunistischen Partei. Die sowjetischen Panzer zielten auf dieses Gebäude. Mein Schulfreund und ich kamen näher, haben zugesehen. Mein Vater war sehr böse. Ich sollte nachhause gehen, es wäre gefährlich. Er hatte Angst, dass ich erschossen werde.“

Zwar hatten 20 Jahre zuvor Stalinisten in der Tschechoslowakei die Macht an sich gerissen, doch seit Januar 1968 wagt die kommunistische Partei unter dem Slowaken Alexander Dubček einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ Im Prager Frühling 1968 können die Bürger frei reden, schreiben und öffentlich diskutieren. Eine Fernsehmitarbeiterin: „Was ich als schlecht empfunden habe, habe ich auch als schlechte Sache gesendet.  Die Sachen entsprachen der Wahrheit, nichts habe ich mir ausgedacht, sondern immer genau recherchiert.“

Die Machthaber in Moskau veranstalten eilig Konferenzen, verhandeln, drohen. Dann lassen sie etwa 500.000 Soldaten aus vier Ländern, Truppen des Warschauer Paktes einmarschieren, um die Tschechoslowakei im Ostblock zu „normalisieren“. Für rund 14 Millionen Tschechoslowaken beginnt der Panzerkommunismus!

Kämpfe um Radio Prag

An den 21. August 1968, 4 Uhr 30 Minuten, erinnert eine Tafel am Rundfunkgebäude. Gästeführer Vladimir Handlíř übersetzt: „Wir sind mit ihnen, seid mit uns‘. Das war das Signal, was die gesendet haben. ‚Wir sind mit ihnen‘, das haben die Leute von dem Rundfunk gesagt, ‚seid mit uns!‘ “

Panzer beschießen das Nationalmuseum. Die Kommandanten denken, sie haben den Sender im Visier. Den sollen sie zum Schweigen bringen. Orientierung ist schwer, Straßenschilder sind abgenommen.

Mitarbeiter von Radio Prag informieren, organisieren, warnen. Vor dem Hörfunkhaus hinter dem Museum versucht eine Menschenansammlung ihr Radio zu verteidigen. Panzer rollen an. 17 Tote!

O-Ton Westdeutscher Rundfunk (WDR): „Im Augenblick meldet sich wieder Prag. Ich höre es nebenan im Rundfunk: Unternehmen sie bitte nichts! Bewahren sie Ruhe, es ist die einzige Möglichkeit, um die Situation zu ertragen. Russische Truppen kommen gerade ins Haus, Barrikaden sind errichtet worden, am Wenzelsplatz und in der Weingartenstraße, das ist die Straße, die zum Rundfunk führt. Ich höre deutlich die Schüsse im Rundfunk. Maschinengewehrsalven. Leute geht auseinander, ruft der Sprecher, leistet keinen Widerstand, es hat keinen Sinn, vermeidet Blutvergießen unsere einzige Chance ist passiver Widerstand und neue Formen des Widerstandes zu finden. Wir hoffen, dass unser Land nicht untergeht. Dieses Land gehört uns, es wird wieder erstehen.“

Mittwoch 21. 08. 1968, 19.00 Uhr, Mittelwelle 1286 kHz:
Statt Radio Prag der Sender České Budějovice. Aufrufe von Partei und Regierung, Aufruf an DDR-Soldaten, das Land zu verlassen: „Ihr habt vergessen, dass die Erinnerung an 1938 noch besteht, ihr habt vergessen, dass der Ruf der deutschen Demokratie in Gefahr ist…“  (Eine Fehlinformation! NVA-Truppen kamen nicht zum Einsatz!)
Die Station meldet sich in den Sprachen der Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes. Zur Stunde, heißt es, stünden Tausende Menschen in der Vinohradska vor dem Gebäude von „Radio Prag“. Sie würden diskutieren und verlangen, dass Staatspräsident Svoboda und Parteichef Dubček zum Volk sprechen.

21.08.1968, 20.00 Uhr, Mittelwelle 1286 kHz:
České Budějovice wird von starkem Sender behindert, der unter Kontrolle der Militäreinheiten stehen kann, da er Aufrufe der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS verbreitet.

Eine Fernsehmitarbeiterin: „Wir haben die Tür geöffnet und die Techniker begannen die Nationalhymne zu senden, doch dann ist ein Offizier in den Raum gekommen und einige Soldaten. Jeder dieser Soldaten hat auf einen von uns aufgepasst und wir spürten die Bajonette in unseren Rücken.“

Russische Soldaten dringen in das Gebäude ein. Einen Tag noch können die Mitarbeiter aus dem etwas versteckt liegenden Studio 7 senden, dann  kommen die Sendungen aus anderen Studios, unter anderem in Prag, in Budweis (České Budějovice) und Brünn (Brno). Sieben Tage halten sie durch:

21.08.1968, 20.10 Uhr, Mittelwelle 1286 kHz:
Empfang stark gestört. Der stellvertretende Ministerpräsident verhandele, wie auch eine Militärdelegation, über die Beziehungen ČSSR-UdSSR. KPČ seit Januarplenum gespalten, Mehrheit für Demokratisierungsprozess. Früherer KP-Chef Novotný soll progressive Ansichten äußern und einen Kern von fünf Mitarbeitern um sich haben. Sendebetrieb teils mit anderen als den bekannten Sprechern und mit Umschaltungen. Hörer mögen am Apparat bleiben.

Letzter Aufruf im Fernsehen

Der Fernsehsender Brno: „Liebe Freunde in Österreich, ich spreche jetzt aus Brünn. Wir sind vielleicht die Einzige in der ganzen Tschechoslowakischen Republik im Fernsehen, die noch senden können, ich weiß nicht, wie lange. Ich bitte alle informieren sie die ganze Welt, besonders den Generalsekretär U Thant und Sicherheitsrat. Wenn die Situation kommt, dass mit der Sendung im Fernsehen und Rundfunk Schluss wird, dann bitte ich die Kollegen aus Fernsehfunk in Wien,  kurze Informationen von der Situation in tschechischer Sprache zu senden. Ich danke aus dem ganzen Herzen. … Es geht um alles, in der Tschechoslowakischen Republik.“

21.08.1968, 20.40 Uhr, Mittelwelle 1286 kHz:
Um 22:00 Uhr MEZ soll der Weltsicherheitsrat zusammentreten. Generalsekretär U Thant wendet sich gegen die UdSSR, fordert Truppenabzug. Vier Repräsentanten der Republik, laut ČTK, in einem Panzerwagen mit unbekanntem Ziel entführt, darunter Parlamentspräsident Smrkovský und KP-Chef Dubček. In Liberec 6 Tote 47 Verwundete. Solange Sendebetrieb möglich will Prag Aufrufe und Berichte von Reportern senden.

21.12 Uhr, Mittelwelle 1286 kHz:
UNO bespricht „Okkupation“ der ČSSR. Dubček, Smrkovský, Kriegel und Špaček mit Panzerwagen „weggeführt“. Gegen 17:00 Uhr soll, nach Augenzeugen, auch Ministerpräsident Černík im Panzerwagen weggeführt worden sein. Unruhen in Liberec und Košice. Insgesamt 16 Tote. In Westböhmen Ruhe, durch Verhandlungen mit Truppen.

O-Ton Österreichischer Rundfunk (ORF): „Nach der ersten Meldung, dass die Truppen des Warschauer Paktes eingedrungen sind und das Land besetzt haben, sind heute noch fast dramatischere gekommen, nämlich, dass man die Spitzenführer dieses Landes, jene Leute, die um Dubcek und mit Dubcek die Reformbewegung in Prag getragen haben, seit dem Jänner, dass man diese Leute verhaftet hat, dass man sie abtransportiert.“

 Der Kampf im Äther geht verloren

Donnerstag, 22.08., 19:30 Uhr, Kurzwelle 6050(!) kHz:
Nachrichten der RAI aus Rom: Radio Prag soll Sendungen am Vormittag eingestellt haben. Zwei Schwarzsender noch in Betrieb. Das Gebäude des tschechoslowakischen Rundfunks sei Brennpunkt von Auseinandersetzungen mit Militäreinheiten. Touristen in Prag sollen in höchstem Maße Disziplin einhalten und mit Bussen in ihre Heimat gefahren werden.
Die Grenzen der ČSSR würden mit sowjetischen Hubschraubern abgeflogen. Österreich protestiere gegen die Luftraumverletzung durch sowjetische Düsenjäger.

22.08. 19:44 Uhr Kurzwelle 6055(!) kHz:
„Nachrichten des Senders Radio Prag“: Sprecher František Zajíček: Öffentliche Institutionen, wie das Justizministerium, fordern Freilassung der Regierungsmitglieder. Aus dem Gesundheitswesen sei bekannt, dass von 72 Patienten, die in Prager Krankenhäuser eingeliefert wurden, zwei gestorben seien. Verletzungen meist durch Geschosssplitter. Man wolle Störungen ausweichen. Hörer mögen etwas links oder rechts von der Frequenz 6055 kHz suchen.

Freitag, 23.08. 1968, 07:00 Uhr Kurzwelle 6055 kHz:
Radio Prag in Englisch, Russisch, Französisch, Italienisch und Deutsch: „Hier ist Radio Prag, der legale Sender des tschechoslowakischen Rundfunks.“ Bei KPČ-Tagung in Abwesenheit Dubčeks alle früheren Genossen im Präsidium einstimmig bestätigt. Svoboda sei auf der Prager Burg bei Verhandlungen. In Brno zwei Tote. Außenminister Hájek auf dem Weg zum UNO-Hauptquartier. In Europa werde für „Abzug der Militäreinheiten“ demonstriert.

Fünf Tage nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen meldet Radio Prag, dass Mitarbeiter der (Ost-)Berliner ČSSR-Botschaft etwa 2.000 „Unterschriften gegen die Besetzung“ gesammelt hätten. Vor der ČSSR-Botschaft seien zwei DDR-Bürger verhaftet worden, die Flugblätter verteilten.

Ein Faltblatt von 1968 über das deutsche Programm von Radio Prag. Foto: Joachim Dresdner

Beginn der „Normalisierung“

Am 7. September scheint der „Prager Frühling“ vorbei.
Um 19:00 Uhr berichtet Radio Prag: 80% des Hopfens abgeerntet, in einigen Betrieben würden „Dubček-Schichten“ gefahren und ČSSR-Bürger dürften nicht in die BRD reisen.

Nachspiel: Der  von der DDR aus ausstrahlende Sender Radio Moldau soll die „Normalisierung“ unterstützen. Er bleibt wirkungslos und verstummt nach wenigen Monaten.

21 Jahre später beendet die „Samtene Revolution“ des Dissidenten Václav Havel den Betonsozialismus. Anfang 1993, als sich Tschechen und Slowaken friedlich trennen, wird Havel erster Präsident der Tschechischen Republik. 2004 tritt das Land der EU bei.

Jiří Hubička aus Kladno ging nach dem Studium, 1978, zum Tschechoslowakischen Rundfunk Radio Prag. Heute ist er Archivar beim Tschechischen Rundfunk (Český Rozhlas, ČRo).

In Tschechien und der Slowakei sind derzeit viele Themen auf die historischen Ereignisse des Prager Frühlings vor 50 Jahren ausgerichtet. Der Twitter-Account @jarous68 („jarous“ für Frühling) bündelt Erinnerungen. Und auf der deutschsprachigen Webseite von Radio Prag erzählt der damalige Mitarbeiter Richard Seemann über das Chaos und die Kämpfe rund um das Radiohaus im August 1968. Was der „Prager Frühling“ eigentlich war und warum er für viele Menschen auch in der DDR ein Hoffnungszeichen war: Das erklärt umfangreich dieses Webspecial vom Magazin MDR-Zeitreise.

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