Wie digital affin sind deutsche Journalisten, Stephan Weichert?

Der digitale Journalismus braucht zielgruppenorientierteres Denken: Das meint Stephan Weichert, der Mann hinter dem neuen Programm „Digital Journalism Fellowship“ der Hamburg Media School. Die einjährige Weiterbildung in digitalem Journalismus wird gefördert von Facebook und klingt nach einem Allrounder-Paket. Big Data, Mobile Reporting, Entrepreneurial Journalism, als Abschluss ein Field Trip in die USA. Um die 20 Plätze – Bewerbungsdeadline war Mitte August haben sich viele beworben, sagt Weichert, inhaltlich verantwortlich für das Projekt. Er ist Professor für Journalismus und Kommunikationswissenschaft, hat den Verein für Medien und Journalismuskritik mit begründet und befasst sich seit Jahren mit dem digitalen Strukturwandel in den Medien und Redaktionen.

Die Digitalisierung des Journalismus ist sein Thema: Prof. Dr. phil. Stephan Weichert leitet den Masterstudiengang „Digital Journalism“ sowie das „Digital Journalism Fellowship“-Programm an der Hamburg Media School (HMS). Der studierte Psychologe promovierte über die Darstellungen des 11.September 2001 im deutschen Fernsehen mit seiner Arbeit „Die Krise als Medienereignis“. (Foto: privat)

Deutsche Medien sind beim Thema Digitalisierung keine Vorreiter, das ist klar. Wo aber stehen die Journalisten mit ihrem Wissen im internationalen Vergleich? „Etwa im Mittelfeld“, schätzt Weichert ein. In den letzten Jahren habe sich in digitaler Transformation viel getan in den Verlagen und bei Öffentlich-Rechtlichen, das mache optimistisch. Aber gebe es noch viele Baustellen – etwa in der Weiterbildung, bei der Personalentwicklung, beim Talent Recruiting. „Andere Länder wie Norwegen, Schweden, Dänemark oder natürlich die USA sind da weiter, sie haben ein anderes Selbstverständnis und eine andere Herangehensweise bei der Digitalisierung, da wird mehr experimentiert.“

Unter den Journalisten selbst: Wie viele sind digital affin und experimentierfreudig, und wie viele sind da eher zurückhaltend? Dazu gebe es keine Erhebungen, sagt Stephan Weichert. Bei einer Umfrage zur Arbeitszufriedenheit unter Journalisten, die vor einigen Jahren stattfand, hätten jedoch viele über mangelnde Umsetzungsmöglichkeiten für digitale Innovationen geklagt. „Vorgesetzte bremsten, und der Innovationsfluss von unten nach oben funktionierte nicht.“ Das habe sich jedoch inzwischen geändert – ein gutes Beispiel dafür sei die Redaktion des Spiegel. „Doch in weiten Feldern gibt es noch viel rückwärtsgewandtes Denken.“

Journalisten für die digitale Zukunft fit zu machen ist der Grundgedanke des Stipendiums. Stephan Weichert spricht von einem neuen Mindset, das er hofft zu vermitteln. Ziel der Fortbildung: Jeder Teilnehmer entwickelt ein tragfähiges und geschäftsfähiges Projekt – das könne aus dem Bereich Storytelling sein oder Instagram oder von anderswo. „Wir hoffen, dass  am Ende echte Prototypen daraus entstehen, praxistaugliche Projekte in der Planung oder schon umgesetzt.“ Und das soll gepaart sein mit Selbstbewusstsein und innovativem Denken, das zielgruppenorientierter stattfindet: „Gerade das wird noch häufig vernachlässigt“, sagt Stephan Weichert.

Spannend dürfte für viele sein, was beim abschließenden Fieldtrip nach New York und ins Silicon Valley auf dem Programm steht. Allzu viel verrät Weichert nicht: „Es wird viele Gespräche geben mit innovationsgetriebenen Redaktionen, mit Tech-Unternehmen, um zu sehen wie andere mit digitalen Neuerungen umgehen und was man daraus lernen kann. “ Ein Mix aus Coaching, Reflexion und Redaktionsbesuchen soll es werden. Ähnliche Fieldtrips mache die Hamburg Media School bereits seit 15 Jahren.

Was hat Facebook nun von seinen Stipendien, die es da verteilt? Manch einer wird sich das fragen, auch weil der US-Konzern aus Sicht vieler mit Nutzerdaten nicht sorgsam genug umgeht. Die Frage müsse das Netzwerk selbst beantworten, so Stephan Weichert. „Wir hatten das Konzept schon lange in der Schublade, und Facebook sagte schließlich: Wollen wir es nicht gemeinsam umsetzen?“ Die Inhalte des Studienprogramms seien klar unabhängig von Facebook, unterstreicht er. Zudem gebe es den Beirat aus 26 renommierten Praktikern, der auch über die Auswahl der Bewerber entscheidet. Zu ihnen gehören beispielsweise TV-Moderator Daniel Bröckerhoff, Journalistin Astrid Maier oder Cordt Schnibben, Leiter der Reporterfabrik.

Es ist ein Testlauf, dieses neue Stipendienprogramm. Man wolle sehen wie es funktioniert und es bei Bedarf fortsetzen, sagt Stephan Weichert.

Weichert leitet neben dem DJF-Programm an der Hamburg Media School auch den Masterstudiengang „Digital Journalism“ sowie das „Urban Storytelling Lab“.  Zuletzt hat er gemeinsam mit Leif Kramp das Whitepaper „Hasskommentare im Netz. Steuerungsstrategien für Redaktionen“ veröffentlicht. Natürlich ist er auf Twitter, bei XING und LinkedIn,  und mehr über ihn findet man auch auf seinem Profil auf der Website der Hamburg Media School.

Über den Fakt, dass Facebook und Google Stipendien für digitalen Journalismus zahlen, hat sich auch die Neue Zürcher Zeitung Gedanken gemacht – in dem Artikel „Digitale Nachhilfe für den Journalismus“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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