Hauptstadtkorrespondent: Derzeit ein Traumjob, Christoph Scheld?

„Kanzlernachlatscher“ werden sie von manchen genannt – und sie gehen ständig mit Politikern essen. Was die Menge der Klischees angeht, liegt der Job der Hauptstadtkorrespondenten wahrscheinlich gleichauf mit dem der Lokaljournalisten. „Klar trinkt man auf einer Abendveranstaltung mal ein Bier mit einem Staatssekretär, um etwas mehr an Hintergründen zu erfahren“, erzählt Christoph Scheld. Bis vor kurzem hat er gut zwei Jahre lang für die Radiowellen der ARD über die Politik in Berlin berichtet. Zu Hause beim Inforadio des Hessischen Rundfunks, arbeitete er zuvor für die dpa und Lokalzeitungen wie den Gießener Anzeiger sowie für das ZDF. Korri im Machtzentrum Berlin – ein Traumjob, auf den er immer hingearbeitet hat? „Es ist schwierig, hierhin zu kommen, das ist oft Zufall oder Glück. Man kann als junger Journalist sich deshalb nie auf die Fahne schreiben ‚Ich werde Hauptstadtkorrespondent‘, sondern eher ‚Ich interessiere mich für politische Themen‘. Wer gern aktuell arbeitet, für den ist diese Aufgabe hochinteressant: Denn nirgends ist man näher an den Mächtigen, und nirgends erfährt man intensiver, wie Politik gemacht wird.“

ARD-Hauptstadtkorrespondent Christoph Scheld auf einem Flughafen-Rollfeld vor der Regierungsmaschine
Zum Selfiemachen vor der Regierungsmaschine kommt man auch als Hauptstadtkorrespondent nicht oft: Christoph Scheld Ende Juni beim Besuch des Bundespräsidenten in Weißrussland. (Foto: privat)

Die letzten Wochen in Berlin: Ist der Hauptstadtkorrespondent da noch der Traumjob – oder nur noch Stress?

In Zeiten der Regierungskrise war es in der Tat an machen Tagen ein bisschen viel des Guten. Aber hey, wir sind gerade mal wieder live dabei und berichten über Ereignisse, die später vielleicht in den Geschichtsbüchern stehen. Unter der Reichstagskuppel mit dabei zu sein, als der Bruch der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU unmittelbar bevorzustehen schien – das ist schon etwas Besonderes. Wobei sich unter die Freude am aktuellen Journalismus immer öfter auch die Sorge um das Land mischt, denn eigentlich ist eine Regierungskrise ja nichts Erfreuliches.

Wie sieht denn dein typischer Tagesablauf aus?

Wir haben hier grad frisch umstrukturiert, wir Radiokorrespondenten von den einzelnen Landesrundfunkanstalten bilden jetzt das ARD-Gemeinschaftsstudio. Vorher haben wir jeder eher für unsere eigenen Sender gearbeitet. Jetzt treffen wir uns morgens jeweils 9 Uhr zur Konferenz, wo es darum geht, was aktuell ansteht, wie wir einzelne Themen covern und besetzen. Kurz darauf stimmen wir das Angebot in einer Schalte mit den einzelnen Wellen ab. Und die ersten Livegespräche sind dann meist gegen 12 Uhr, wenn die meisten Radioprogramme ihre Mittagssendungen haben. Das heißt also: Etwa zwei Stunden Zeit zum Recherchieren, Gesprächspartner anfragen oder um eine Pressekonferenz zu besuchen. Danach kommen meist relativ viele Livegespräche, wenn man ein aktuelles Thema hat: Denn jeder von uns deckt ja jetzt den gesamten ARD-Hörfunk ab. Wer aktuell berichtet, bietet beispielsweise Slots von 11.30 bis 14 Uhr an, wo die einzelnen Radiosender jeweils 10 Minuten mit dem Korrespondenten buchen können. Da hat man schon mal 8 bis 10 Gespräche hintereinander. Am Nachmittag macht man oft noch einen Beitrag zu seinem Thema.

Welche regelmäßigen Termine sind im politischen Berlin wichtig?

Zum einen die der Parteigremien, die sich alle paar Wochen treffen. Ich bin beispielsweise für die CDU zuständig. Da sind Vorstandssitzung und Präsidiumssitzung an einem Montag, wo nachmittags dann die Generalsekretärin zur Pressekonferenz einlädt. Wir können nachfragen sowohl zu den Sitzungsthemen, aber auch zu anderen Dingen. Und das ist ganz praktisch, wenn man gerade an einem Thema dran ist und eine Stellungnahme braucht. Ist im Bundestag Sitzungswoche, geben natürlich auch die Fraktionen der Parteien ihre Statements. Ein ganz wichtiger regelmäßiger Termin ist die Regierungspressekonferenz drei Mal die Woche. Von jedem Ministerium ist ein Sprecher da. Wir Korrespondenten können zu jedem Thema fragen. Die Antworten sind manchmal nicht sofort befriedigend, aber trotzdem ist das eine gute Gelegenheit. Das Besondere daran: Die Regierungssprecher sind bei uns zu Gast, beim Verein der Bundespressekonferenz laden wir Journalisten ein, und das gibt es glaub ich sonst nirgends. Meist laden ja die Regierungen zu sich ein.

Politiker und Parteien sind ja interessengeleitet. Wie schwer ist es da, ehrliche Antworten auf kritische Fragen zu bekommen – von Politikern, Parteien, Verbänden?

Das ist schon schwierig, eben weil auf bundespolitischer Ebene die meisten auch Medien-Profis sind. Da kann man das journalistische Handwerk noch so gut beherrschen oder geschickt Fragen stellen: Dass das Gegenüber etwas Ungeplantes ausplaudert,  passiert so gut wie gar nicht. Einem Minister etwa rutscht nix raus. Die meisten Politiker sind zudem auch länger im Berliner Apparat als wir Korrespondenten, die ja großteils nach ein paar Jahren wechseln.  Und wenn man dann doch mal das Gefühl hat, jetzt sei dem Politiker was rausgerutscht, stellt sich bei näherem Betrachten meist heraus, dass auch diese Aussage ihm oder ihr irgendwie dient.

Wie stark schotten sich Politiker hinter ihren Pressesprechern ab? Ist es so wie manchmal kolportiert, dass Handynummern da wie Gold gehandelt werden?

Also ich habe keine Minister-Handynummern! Ich habe die von den Pressesprechern – was auch schon viel wert ist.  Die Sprecher schirmen die Politiker tatsächlich ab, aber das ist auch verständlich bei deren Arbeitsbelastung. Deshalb ist es wichtig, einen guten Draht zu den Pressesprechern zu haben, persönlich bekannt zu sein. Auch hier spielen Interessen eine Rolle: Schätzt der Pressesprecher ein, dass sein Ministerium bei Thema X etwas verlieren könnte, wird die Interviewanfrage abgelehnt. Und das Medium Radio hat es eh etwas schwerer, weil wir in der Hierarchie erst nach Fernsehen, Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen rangieren.  Radio ist für viele Politiker eher unattraktiv. Fernsehen hat mehr Prestige, genauso Zeitungen im Verbund, zum Beispiel die vom Redaktionsnetzwerk Deutschland. Oder die Agenturen wie dpa oder Reuters: Über sie ist die Chance groß, in viele Printprodukte zu gelangen.

Als Journalist fürs Politische braucht’s viele Hintergrundinfos. Wo holst Du die her?

Viel Zeitung lesen, Medien beobachten, und vor allem viele Termine wahrnehmen. Nicht nur die, die zur Berichterstattung dienen, sondern auch andere Veranstaltungen – ich nenne nur mal das Sommerfest des Parlamentskreises Mittelstand. Davon gibt’s sehr viel, mehr als man wahrnehmen kann. Ansonsten kann man gar nicht stets und ständig in allen Themen bis ins Kleinste uptodate sein. Deswegen sind wir Hauptstadtkorrespondenten aufgeteilt nach Ressorts. Ich bin zuständig für die CDU/CSU, für Wirtschaft, Energie, Arbeit und Soziales, Umwelt und Landwirtschaft. Das ist immer noch viel – aber in den Themen versuche ich, richtig drin zu sein. Und man kennt natürlich die Ministerien seines Fachgebietes etwas besser, kennt die Sprecher dort. So kann man sie auch mal anrufen, wenn es um eine Einschätzung geht, nach dem Motto „Wie wird das bei euch im Haus gesehen?“

Und wichtig sind die Hintergrundgespräche beim Deutschen Presseclub. Jeden zweiten Montag gibt es einen Abendtermin mit einem Politiker – Kategorie Minister, Parteivorsitzender, Generalsekretär. Da gibt es dann die berühmten „Unter Drei“-Gespräche – also Informationen, die nicht zitiert oder veröffentlicht werden sollen, die nur zur Einordnung dienen. Das Gleiche machen wir hier auch im ARD-Hauptstadtstudio, dass wir Politiker mal auf eine Stunde einladen. Und manchmal lädt auch ein Minister, ein Fraktionschef zum Hintergrundgespräch ein. Solche Termine sind wirklich gut, denn dort erfährt man Dinge, zu denen man in einer offiziellen Pressekonferenz vielleicht keine Antwort erhalten würde.

Was ist mit Lobbyisten?

Ja, die Lobbyisten bearbeiten uns auch ganz gut, beispielsweise mit freundlichen Einladungen. Ich gehe damit rational um, weil Lobbyisten in ihrem Themenfeld oft auch sehr gute Experten sind. Man muss sich nur halt im Klaren darüber sein, dass sie bestimmte Interessen verfolgen. Das trifft aber auf viele andere Leute hier in Berlin zu – es gibt kaum wirklich unabhängige Experten. Wenn ich zu diesem oder jenem Institut gehe, dann haben auch die ihre Agenda, ihre Themen, die sie gern durchbringen möchten.

Was sind die stressigsten Tage als Hauptstadtkorrespondent? Bundestagsdebatten, Auslandsbesuche bei denen Du mitfliegst?

Die Tage, wo richtig viel passiert, sind anstrengend – doch es kommt einem oft nicht so vor, weil  man die ganze Zeit unter Strom steht.  Kürzlich war ich bei der Kabinettsklausur in Meseberg, hatte zwölf Live-Gespräche hintereinander. Das ist schon anstrengend, vor allem wenn du die Fragen nur so ungefähr kennst, plötzlich in der Leitung das Signal hörst, dass du in paar Sekunden drauf ist – und dann manchmal auch nicht weißt, mit wem du da gerade sprichst, was das für eine Welle ist, auf die du da gerade raufgeschaltet wirst und wie viel du Zeit hast. Doch gerade das macht oft Spaß, das sind die Sternstunden des Jobs. Beim EU-Gipfel in Sofia im Mai etwa hatte ich 6 Uhr morgens die erste Liveschalte und habe abends um 9 den letzten Beitrag abgeschickt. Das Gefühl, man berichtet für die komplette Republik für alle Hörfunkwellen – das hat schon was.

An Politikjournalisten richtet sich oft der Vorwurf, zu nah dran zu sein an den Politikern. Wie versuchst Du, neutral zu bleiben?

Ich glaube, dass die Gefahr geringer ist als angenommen. Zum einen bleiben wir Hauptstadtkorrespondenten der Radios ja meist höchstens fünf Jahre hier, dann folgt ein Wechsel. Das ist etwa bei den Nachrichtenagenturen anders. Zum anderen ist aber auch der Berliner Betrieb einfach zu groß, und wir Radiojournalisten sind auch nix besonderes, als dass wir jeden Abend mit Politikern Bier trinken gehen. Ich glaube, bei Lokalzeitungen etwa ist Distanz zu halten fast schwieriger. Wo du über Leute schreibst, denen du drei Tage später auf dem Fußballplatz wieder begegnest. Ich hingegen muss hier nix fürchten, wenn ich einen Politiker hart anfasse. Zumal die als Profis einfach wissen, wie das Mediengeschäft läuft.

Im Social Media-Zeitalter muss man als Journalist immer schneller reagieren und Dinge einschätzen: Stichwort Titanic-Tweet zum angeblichen Ende der CDU-CSU-Fraktionsgemeinschaft. Wie wirkt sich das bei dir aus?

Dass die Geschwindigkeit höher geworden ist, merke ich deutlich. 2018 dreht sich das Rad nochmal schneller als 2016, als ich nach Berlin kam. Wenn Spiegel Online einen neuen Aufmacher hat, klingelt eine Minute später das Telefon und eine Welle sagt: Das wollen wir auch haben. Wir müssen dann manchmal bremsen, wenn die Story nicht komplett neu ist oder sich bestimmte Sachen anders darstellen. Oft heißt es dann „In der Mittagsschiene können wir dieses Thema nicht nicht haben“. Trotz allem gilt aber bei uns immer noch der Satz: „Don’t get it first, but get it first right.“ Wir als öffentlich-rechtliche Radios sollen uns von Social Media nicht treiben lassen. Wir sollen die Themen ja ausgeruhter, aber dafür richtig auf den Sender bringen.

Zum Hauptstadtkorrespondenten wird man von seiner Redaktion gemacht. Wer das anstrebt, was muss der neben dem Journo-Handwerk an Soft Skills mitbringen? 

Auf jeden Fall Teamfähigkeit – und eine kommunikative Art. Um auch mal Infos zu kriegen, die nicht in der Pressemitteilung stehen, muss man vorher einen persönlichen Draht zum Sprecher/zur Sprecherin aufgebaut haben. Ein gesundes Maß an Ellbogen und Durchsetzungsfähigkeit ist auch wichtig. Wenn man nicht gleich die Infos kriegt, die man braucht, muss man hartnäckig dranbleiben. Und wenn man leicht an Infos gelangt, sollte man kritisch hinterfragen, wer vielleicht ein Interesse daran hat, dass das öffentlich wird.

Du sagtest, nirgendwo erfährt man besser, wie Politik gemacht wird. Wie ist dein Bild dazu nach den letzten Wochen? 

Die Regierungskrise hat mir noch mal vor Augen geführt, dass es in bestimmten Situationen in der Politik leider nicht mehr primär um Inhalte und das Leben der Bürgerinnen und Bürger geht. Persönliche Eitelkeiten, Machtkämpfe, all das ist ja in den vergangenen Wochen recht offensichtlich zu Tage getreten. Und auch Methoden wie Drohung, Erpressung sind dem aufmerksamen Beobachter nicht entgangen. Spannend, aber irgendwie auch etwas desillusionierend. Zur Ehrenrettung muss ich allerdings sagen: Es gibt in Berlin auch viele Parlamentarier, die sich um ihr Fachgebiet sehr ernsthaft bemühen und ein ehrliches Interesse daran haben, das Leben der Menschen zu verbessern. Die kommen auch in unseren Berichten vor. Leider nimmt aber Streit und Krise im Moment auch bei uns sehr viel Raum ein.

Christoph Scheld hat Politikwissenschaft, Publizistik und Öffentliches Recht in Mainz sowie in Port Elizabeth in Südafrika studiert. Sein Volontariat absolvierte er beim Hessischen Rundfunk. Er ist natürlich auch bei Twitter sowie bei XING zu finden. Wer etwas längeres von ihm hören will: Im Frühling lief bei hr info seine Reportage zum Thema Endlagersuche in Deutschland. Eine Übersicht aller Kollegen und ARD-Hauptstadtkorrespondenten gibt es übrigens hier, und zum Thema Hauptstadtjournalismus lohnt sich auch ein Interview mit Günther Bannas, der viele Jahre für die FAZ aus Bonn und Berlin berichtete.

 

Advertisements