Wie lerne ich richtig sprechen, Elmar Bartel?

In der Öffentlichkeit zu sprechen: Mal ehrlich, magst Du das? Von uns Journalisten wird erwartet, dass wir‘s können. Und in immer mehr Branchen werden Präsentationen, Pitches oder Livestreams wichtiger. Worin besteht nun aber die Kunst des Sprechens? Wie betone ich richtig und schaffe es, dass man mir zuhört?

Elmar Bartel weiß es. Denn seit Jahren ist der Radio- und Fernsehsprecher mit seiner angenehm warm klingenden Stimme on Air zu hören: Er hat sie vielen Dokus wie etwa TerraX geliehen, hat Hörspiele gesprochen sowie Serien synchronisiert. Der geborene Trierer stand als ZDF-Nachrichtensprecher vor und als Autor auch hinter der Kamera. Und er kennt die Bühne auch als Moderator oder Gesangssolist. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch „Einfach besser sprechen – so gelingt ein starker Auftritt“  zusammengefasst – und für das Medienpraxis-Blog hat er noch ein paar Extra-Tipps.

„Sie sagen Walzwerke – aber alle verstehen Waldzwerge?“ Elmar Bartel ist seit 1984 als Sprecher bei Radio- und Fernsehnachrichten sowie TV-Dokus zu hören und produziert außerdem Hörbücher. Seine Erfahrungen hat er jetzt in einem Buch zusammengefasst, um jenen zu helfen, die ebenfalls sprechen oder in der Öffentlichkeit auftreten. Foto: Kerstin Bänsch

Elmar, wer ohne große Übung und Vorbereitungszeit plötzlich öffentlich reden muss, auf einer Konferenz oder gegenüber einem Journalisten: Was rätst du dem?

Ich rate ihr (oder ihm), zu versuchen, völlig authentisch zu sein, gar nicht an die eigene Wirkung zu denken, nur an die Sache. Quasi aus dem Bauch heraus: Sich auf die Inhalte zu konzentrieren, den Kern – dann mit allen Emotionen und mit voller Stimme raus damit!

Kann man denn auch falsch sprechen?

Nein, man wird sein Gegenüber schon verstehen. Es geht doch darum, möglichst interessant zu erzählen, andere in den Bann zu ziehen, mit dem, was man sagt. Wer alles nur runterleiert, ohne Punkt und Komma, wer nicht das heraushebt, was wichtig ist und nur sinnlos „singt“, dem hört man nicht mehr zu. Jede Sprechmelodie sollte sich nach dem Sinn richten. Und mit starken Inhalten, die mit klarer Stimme deutlich vorgetragen werden, können Sie meist besser überzeugen. Das wirkt kompetent.

Soll man immer und überall besser sprechen?

 Natürlich nicht. Jeder soll reden, wie ihr oder ihm der Schnabel gewachsen ist. Wir alle spielen ständig eine Rolle. Ob als Mutter, Vater, Schüler, Patient, Arzt, oder als ein Flugkapitän. Mir geht’s darum, das Know-how zu haben, bei Bedarf alle Register ziehen zu können. Beim Telefongespräch mit dem Finanzamt, in Verhandlungen, bei Auftritten, oder bei Bewerbungsgesprächen. Ich behaupte mal frech, wer besser spricht, hebt sich selbst damit auf ein höheres Niveau. Auch gesellschaftlich. Natürlich muss man dazu auch etwas wissen und darf nicht nur so tun als ob. Sonst wird alles sehr schnell hohl. Bildung kann man eben nicht lange vortäuschen.

Viele Menschen glauben, sie haben keine schöne Stimme oder sie sprechen Dialekt …

Man braucht nicht unbedingt eine „schöne Stimme“. Tolle Stimmen können auch vor einem Publikum versagen, wenn sie nicht richtig eingesetzt werden. Man braucht Lernbereitschaft – und mein Buch ;-).

Und Dialekte sind mehr als ok. Sie sind echter Reichtum unserer Sprache. Jeder sollte so sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Im Fernsehen kann man mit dem Mainzer Dialekt immer gut den Fastnachtszug kommentieren. Aber der Kommentator eines Staatsbesuches sollte nach Möglichkeit in „Hochdeutsch“ erfolgen, um unmissverständlich zu sprechen, oder?

Welche Tipps haben dir, als du „sprechen“ lerntest, denn am meisten genützt?

Meine gute alte Sprecherzieherin Hildegard von Puttkamer – sie war eine erfahrene Berliner Bühnenschauspielerin, weit über 80 -, versuchte mir beizubringen, rücksichtslos zu klauen, anderen bewusst zuzuhören und von ihnen das abzugucken, was mit gefalle. Um irgendwann meinen eigenen Stil zu finden. Sie machte mir auch klar, dass Mimik und Haltung immer das erste sei, was andere wahrnähmen.

Später gab mir ein Hörspiel-Produzent während der ersten Studioaufnahmen  den Tipp, öfter mal die Stimmungen, das Tempo und den Tonfall zu variieren, damit „niemand einschlafe“. Ich solle weder zu viel, noch zu wenig betonen. Und – last but not least – ich solle mich, „verdammt nochmal endlich mit einer guten Sprachaufnahme zufrieden geben und nicht immer noch eine vermeintlich Bessere draufsetzen“.

Der bekannte hr-Moderator Werner Reinke sagte mir mal: „Du kannst bei Radio-Moderationen ja gern mit der Grundstimmung locker bleiben, nur sprich dabei bitte deutlich!“

Ein Kapitel im Buch heißt „Werkzeugkasten“. Was sind denn Deine „Werkzeuge“ für ein besseres Sprechen?

Der Umgang mit der eigenen, bewussten Atmung, die Haltung, der ganze Körper spielt eine Rolle. Der spielt nämlich immer mit und ist dabei sehr, sehr ehrlich. Jede Mimik ist total verräterisch. Bei jeder Kommunikation nimmt man die Körpersprache als allererstes wahr, bevor das erste hörbare Wort gefallen ist.

Dann geht’s ja auch darum, die gesprochenen Buchstaben, also die Laute, kennenzulernen. Wie sollen die klingen? Unser „Hochdeutsch“ ist eine künstliche Konstruktion. Aber sie gibt eben klare Vorgaben, wie diese genormten Vorgaben klingen sollen. Das kann man üben. Ein R soll wie ein R klingen, ein O wie ein O usw. Welches Wort im Satz ist wichtiger als das andere? Danach richtet sich die Betonung und die Sprechmelodie!

Vokale, also O, A, E, I sind die Gefühlsträger jeder Sprache, sie vermitteln Emotionen. Sie sind wie die Streich- oder Blasinstrumente in einem Orchester. Mit den Konsonanten – wie dem B, M. P, K, T usw. – vermitteln wir Informationen. Die geben Ihrem Sprechen erst den Sinn, den Sie weitergeben wollen. Im Orchester wäre das die Rhythmusgruppe, die dem Ganzen den Drive gibt.

Pausen sind ganz wichtig. Ein tolles Mittel, Aufmerksamkeit zu erzeugen, die Dramatik zu erhöhen oder neugierig zu machen. Auch eine Super-Erholung für alle. Manchmal ist es auch gut, einfach mal die Klappe zu halten, gar nix zu sagen: „Was jemand nicht weiß, macht ihn auch nicht heiß!“

Wie bereitest du dich persönlich auf einen Auftritt vor?

Ich beschäftige mich vorher mit den Themen, über die ich sprechen werde, lese mich ein. Ich schaue mir am Tag davor den Raum an, in dem ich auftreten werde und versuche, alle Bedingungen vor Ort rechtzeitig mit den Verantwortlichen zu klären: Brauche ich ein Mikrofon, eine Verstärkeranlage, zusätzliches Licht? Vor welchem Personenkreis trete ich auf? Welche Kleidung ist angemessen? Und ich plane meine Textlängen und Pausen ein und teile sie den anderen mit. Ich versuche, ausgeruht und rechtzeitig am Veranstaltungsort einzutreffen. Sobald ich Lampenfieber bekomme, weiß ich, dass es dazugehört. Ich denke mir: Ich darf hier auftreten, es ist eine tolle Chance – und keine beängstigende Pflicht!

Wenn ich vor einem Auftritt noch etwas Zeit habe, schließe ich mich auch schon mal kurz einund mache lautstark diesen Metro-Goldwyn-Mayer-Löwen nach, den aus dem Kino. Am besten vor dem Spiegel. Danach ist meine Anspannung im nu weg. Es hilft auch, vor dem Auftritt beide Arme kräftig zur Decke zu strecken und dabei wohlig gähnen.

Während des Auftritts konzentriere ich mich auf die Inhalte, denke nicht mehr nach, halte Blickkontakt zu meinem Publikum und beziehe es nach Möglichkeit mit ein. Redepausen, Blick zu allen. Nicht hetzen und meinen, ich muss das so schnell wie möglich hinter mich bringen, das wäre der falsche Weg.

Es gibt auch noch einen anderen Grund für Dein Buch …

Ja, ich hatte vor 10 Jahren eine Hirnblutung. War halbseitig gelähmt. Meine Aussprache war verwaschen, mein Gang stark eingeschränkt. Nach vielen Übungsstunden sind die meisten der Funktionen zurückgekommen. Mit dem Buch möchte ich allen Betroffenen, beispielsweise Schlaganfall-Patienten, Mut machen. Darin sind auch Übungen aus dem Bereich der Logopädie.

Jeder Sprecher hat so seine Lieblings-Versprecher. Wie lauten denn deine?

Die nordrhein-vietnamesischen Streitkräfte

Auf der Autobahn Köln-Bonn schneit es in beiden Richtungen

Kandesbunzler Kohl

Die Elektrizifierung schreitet fort

Unterglücksboot

Die amerikanischen Schreibkräfte

„Fisting statt Phishing“ – leider immer noch zu hören auf Youtube

Welchen Sprecher, welche Sprecherin bzw. welche Stimme ist für dich persönlich denn ein Vorbild? Wen bewunderst du?

Mein Vater war ein bekannter Opernsänger. Er schaffte es, auf den Theaterbühnen verständliche Worte zu singen. So konnte man auch der Handlung des Stückes folgen. Sein Spiel war engagiert und mitreissend. Die Stimmungen, die er verkörperte, waren ansteckend. Er brachte mir auch bei, dass es immer auch darauf ankomme, „was man für ein Gesicht“ mache. Beim Sprechen und beim Singen. Mimik, vor allem die Augen…!

Barbra Streisand und Frank Sinatra haben mir mit ihren Songs gezeigt, dass man deutlich artikulieren kann und trotzdem auf sehr natürliche Weise Geschichten erzählen kann. Es gab in meiner Kindheit viele Radiomoderatoren, die mich inspirierten und mir klarmachten, wie großartig eine Stimme wirken kann – gewusst wie. Allen voran Hanns Verres beim Hessischen Rundfunk.

Wer sich heute überlegt, hauptberuflich Sprecherin oder Sprecher zu werden – würdest du davon abraten oder dazu ermutigen?

Es ist ein toller Beruf und abwechslungsreich. Jedoch die Wahrscheinlichkeit, allein mit der Sprecherei seinen Lebensunterhalt zu verdienen ist heute sehr gering geworden.

Das Buch „Einfach besser sprechen – so gelingt ein starker Auftritt“ ist im Schott Verlag erschienen. Einige Hörproben sowie Videos von Elmar Bartel findest Du auch im Netz, unter www.elmarbartel.de. Vor kurzem war Elmar Bartel auch in der hr2-Sendung „Doppelkopf“ zu Gast – den Podcast der Sendung kannst Du hier hören.  Und eine kurze Buchkritik findest Du auch auf dem Blog „OpernLoderer“.  

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