Wie muss ein gutes Erklärvideo aussehen, Markus Stein?

Wenn neben Claus Kleber im Studio ein Satellit landet, haben sich vorher Grafikredakteure Gedanken gemacht. Einer von Ihnen: Markus Stein. Er arbeitet vor allem für die heute-Nachrichten des ZDF, das heute journal sowie die heute+. Sein Thema: Erklärvideos. Für viele Newssendungen werden sie immer wichtiger. „Ein solches Video muss nicht nur Fakten liefern, sondern auch emotional ansprechen“, sagt Markus Stein. Dem medienpraxis-Blog erzählt er, wie ein Grafikredakteur beim Fernsehen arbeitet. Und was die Programme bringen, mit denen jeder selbst Erklärvideos herstellen kann.

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Markus Stein ist Diplomdesigner und hat sich auf Erklärvideos spezialisiert. (Foto: privat)

Was sind Deine Aufgaben als Grafikredakteur?

Als Grafikredakteur bin ich Autor klassischer Erklärvideos und sogenannter Erklärräume im virtuellen Nachrichtenstudio, wo ja die Moderatoren eine wichtige Rolle spielen. Ich recherchiere Inhalte, erarbeite Struktur und Gestaltung der Erklärung, schreibe die Texte und betreue die einzelnen Stücke bis zum Ende.

Eine wichtige Aufgabe in diesem Prozess ist die Kommunikation und Koordination mit CvDs, GrafikerInnen, ModeratorInnen und RegisseurInnen, da wir oft unter Zeitdruck arbeiten müssen.

Wie läuft Dein Arbeitsalltag ab, wie viel Zeit hast Du für ein Erklärvideo?

Wir versuchen, möglichst früh die Themen zu planen. In der Aktualität ist das manchmal schwierig. Im Durchschnitt haben wir vielleicht drei Tage Zeit für ein Projekt. Die Erklärvideos der heute+ sind ein eigenes Format, genau wie die Erklärräume.

Für die heute+ haben wir ein Erklärvideo-Format entwickelt, dass auf Fotos und Piktogrammen aufbaut. Für die anderen heute-Sendungen können wir das adaptieren. Der größte Unterschied: Bei der heute+ wird umfassend erklärt, in den anderen heute-Sendungen soll das Erklärvideo nur die Basic-Facts liefern. Oft folgt dann ein B-Stück. Oder, zum Beispiel bei dem Thema  „Bitcoins“ eine Schalte zur Börse.

Wie sehr bist Du Grafiker, wie sehr Designer, wie sehr Journalist – also wie viel muss man in den Teilbereichen wissen und können?

Ich habe visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert und bin ausgebildeter Diplom-Designer. Als Grafikredakteur baue ich aber keine einzige Grafik, das machen unsere 3D-Grafiker oder die Kollegen von unserer Agentur. Manchmal scribble ich ein Storyboard, das war’s. Ich bin also Journalist mit Fachwissen im Bereich Grafik. Dieses grafische Hintergrundwissen hilft mir beispielsweise bei der Planung/Dramaturgie von Grafikvideos. Und für ein Grafik-Video muss man auf andere Weise texten. Beispielsweise bauen Animationen immer aufeinander auf, sie haben also eine klare chronologische Reihenfolge. Und: Wenn ich Grafiken beim Texten mit entwerfe, muss ich vielleicht nicht alles ansprechen, kann also meinen Text schlank halten, und die Grafik übernimmt einen wichtigen Teil der Erzählung.

 Welche Ausbildung hast Du denn absolviert?

Nach meinem Studium habe ich als Trainee im Team der Grafikredakteure beim ZDF angefangen. Dann habe ich an einer Menge an Fort-und Weiterbildungen über Dramaturgie, Text, Kommunikation und Erklärvideos teilgenommen.

Du bist spezialisiert auf Erklärvideos. Welche Anforderungen muss ein gutes Erklärvideo Deiner Meinung nach erfüllen?

In einem guten Erklärvideo muss eine ganze klare Erklärfrage gestellt werden – und nur diese wird in dem Video beantwortet. Das klingt einfach, aber oft ist die Versuchung groß, zu viele Aspekte hineinzupacken. Im Ergebnis hat das Erklärvideo hat dann viele verschiedene Erklärstränge, die aber alle nirgends hinführen.

Bei der grafischen Gestaltung finde ich wichtig, dass neben einer gewissen Klarheit auch der emotionale Aspekt nicht vergessen wird. Die Gestaltung sollte zum Thema passen: Ist eine eher sachlich-nüchterne Gestaltung gefragt oder darf es etwas verspielter sein?Außerdem empfinde ich immer ein gutes Timing als wichtig. Man muss den Zuschauern genug Zeit geben, der Argumentation zu folgen und sie zu erfassen. Es darf aber auch nicht zu langsam sein, das langweilt dann.

Welche Rolle spielt die Länge eines Erklärvideos: Ist kurz immer gut?

So pauschal ist das nicht zu beantworten, das kommt auf das Medium drauf an. Bei YouTube zum Beispiel sind die Kanäle Kurzgesagt – In a nutshell oder Vox.com mit teils bis zu 10-Minuten-Videos sehr erfolgreich. Bei Facebook und in einer Nachrichtensendung sollte ein Erklärvideo zwei Minuten nicht überschreiten. 90 Sekunden finde ich ideal. Sehr unterschiedlich sind auch die Gestaltungs-Richtlinien. Ich denke aber ein eigener Style ist wichtig um eine hohe Wiedererkennbarkeit zu garantieren.

Wenn Du Dich einem neuen Thema widmest: Wie gehst Du vor?

Während meiner Recherche stelle ich mir immer die Frage: Was lässt sich gut grafisch darstellen? Ich denke also die Bilder direkt mit. Wenn sich keine grafische Darstellung anbietet, muss man auch mal sagen: Das ist kein Grafikvideo, sondern vielleicht eine Reportage etc. Meistens findet sich aber etwas. Bevor ich mit dem Text beginne, mache ich mir die Erklärfrage nochmal deutlich und auch für wen das Video sein soll. Nach dem Texten folgen das Storyboard und die Ausarbeitung.

Lass uns über Trends reden. Überall gibt es Programme, mit denen man selbst Erklärvideos erstellen kann. Wird das die Zukunft sein auch in den Redaktionen?

Ich hoffe nicht. Von solchen Programmen halte ich nicht viel. Die Möglichkeiten sind doch recht begrenzt und die Videos ähneln sich auch sehr. Darunter leidet die Kreativität und die oben angesprochene Emotionalität. Es ist viel besser, mit einem guten Grafiker oder einer Grafikerin ein Video zu erstellen. Selbst bei unseren Erklärvideos, die natürlich alle einen klaren, wiedererkennbaren Style haben, gibt es verschiedene Möglichkeiten jedes Video individuell zu gestalten. Mittlerweile gibt es das ja schon, dass einfache grafische Lösungen schnell durch einen Redakteur oder eine Redakteurin ausgefüllt werden können. Aber aus meiner Erfahrung stoßen vorgefertigte Lösungen sehr schnell an ihre Grenzen.

Du warst kürzlich auf einer Grafik-Konferenz in Oslo. Was gibt es an internationalen Trends, wie arbeiten Grafikredakteure anderswo?

Ich fand es spannend zu sehen, dass in Skandinavien eigentlich alle mit Grafiken im Studio arbeiten – ähnlich wie wir das mit unseren ZDF-Erklärräumen machen. Es ist also weiterhin im Trend, dass der Moderator oder die Moderatorin Grafiken präsentiert. Ansonsten gab es interessante Vorträge zu aktuellen Entwicklungen, etwa lange Erklärvideos, die sich über 8 Minuten Zeit nehmen. Oder Infografiken, bzw. Videos die in der Zusammenarbeit mit Illustratoren angefertigt wurden und jeder Geschichte ihren eigenen Look geben. Jedes Medienhaus hat natürlich auch seine eigene Art zu arbeiten entwickelt. Es ist aber überall so, dass die Grenzen zwischen Redaktion und Grafik verschwinden.

Am auffälligsten ist das bei vox.com. Hier macht ein Video-Producer ein Erklärvideo komplett allein. Von der Recherche über den Text bis zur fertigen Animation. Er hat dann allerdings auch drei Wochen Zeit dafür.

 Deine Prognose: Wohin entwickeln sich Erklärvideos?

Ich bin mir sicher, dass Erklärvideos weiterhin wichtig bleiben, bzw. noch populärer werden. Journalistische Angebote sind momentan aus meiner Sicht am innovativsten. Aber auch in anderen Bereichen, etwa im Content-Marketing, werden Erklärvideos immer wichtiger. Spannend sind natürlich auch neue Bereiche, wie z.B. Videos für Instagram oder Erklärformate im Bereich von Instagram-Stories. Ich bin gespannt, wie sich Erklärvideos in diesem Bereich entwickeln werden.

Ist das eine Nische, in der Journalisten gebraucht werden?

Ich glaube ja, wer soll sonst die Welt erklären?

Markus Stein ist natürlich auch auf Twitter aktiv. Und alle virtuellen Erklärräume sowie Grafikvideos der heute-Sendungen sind auf  der Nachrichtengrafik-Website zu finden.   

 

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