Wahlnacht in der BBC: Die Show der Zahlen und Stimmboxen-Sprints

Wahlen sind Großkampftage beim Fernsehen – und die Gelegenheit, es auch optisch mal so richtig „krachen“ zu lassen. Donnerstag Nacht ließ die BBC mal wieder sehen, dass sie beim Infodesign unter Europas Sendern wohl die Krone auf hat. Wahlsendungen zu schauen macht selten so viel Spaß.

Was da lief, war ein Feuerwerk an Grafiken: Die Abstimmungsergebnisse wurden zumeist in 3D visualisiert, und das Studio verwandelte sich abwechselnd in den Unterhaus-Sitzungssaal, die Downing Street oder die Innenräume des Big Ben-Glockenturms. Mittendrin Moderator Jeremy Vine, der mit viel Verve stundenlang Hochrechungen, Trends und neueste Entwicklungen erklärte.

Vine ist im britischen Fernsehen und Radio einer der bekanntesten und vielseitigsten Politpresenter – und hat Showerfahrung als Quiz-Moderator.  Mal spazierte er über eine überdimensionale Karte aller Wahlkreise, dann stand er vor dem Haus des Premierministers, später in der Lobby im House of Commons. Eine Wahlaufbereitung mit hohem Entertainmentfaktor: Ob das jedem so gefällt – besonders unter den deutschen Zuschauern – ist die eine Sache. Ideenreich gemacht ist es auf alle Fälle.

Wer mit Grafikprogrammen zu tun hat, der ahnt zudem, wie lange an solchen anspruchsvollen 3D-Animationen gebaut und gerechnet wurde. Grundlage für all die Optikspielchen ist die bekannte „Grüne Hölle“: Ein grün gestrichenes Studio, bei der BBC auch als „Virtual Reality Area“ bezeichnet. Die grünen Flächen werden vom Computer durch eine Simulation ersetzt, so dass quasi jeder beliebige Raum entstehen kann. Hierzulande kennen Fernsehgucker virtuelle Studios und seine Effekte ja durch die ZDF-heute-Nachrichten.

Die BBC-Macher tragen jedoch wesentlich dicker auf: Sie lassen den Moderator auch um die 3D-Grafiken herumspazieren – die Kurven stehen also quasi mitten im Raum. Wie funktioniert das? In diesem Video erklärt Vine, wie er um die Wahlzahlen wandert. Dabei zeigt und greift er keinesfalls ins Leere, sondern er sieht die Landkarte, auf der er sich bewegt und auch die Grafikwand mit den Wahlergebnissen, wie in diesem Video erklärt wird (ab 3:15).

Trotzdem wurden in dieser BBC-Wahlnacht weniger neue Elemente eingesetzt als mancher Zuschauer vielleicht erwartet hätte. Der Grund: Nach Theresa Mays überraschender Neuwahl-Ankündigung blieben nur sieben Wochen Zeit zum Vorbereiten. Normalerweise planen Fernsehredaktionen so wichtige Politevents Monate im Voraus. Deshalb griff die Redaktion auf Animationen zurück, die bereits beim EU-Referendum 2016 oder bei der letzten Unterhauswahl sehen waren, sagte Sam Taylor von BBC News. Damals bewegte sich Jeremy Vine in der Lobby im House of Commons, stand vor dem Sitz des Premiers in der Downing Street oder vor einem Kartenhaus aus Abgeordneten. Altes also wieder neu aufgewärmt – und dennoch vielen Sendern um Welten voraus.

Vines 3D-Welten sind aber nicht das einzige beeindruckende Grafikelement, mit dem das BBC-Wahlstudio protzen kann. So gibt es auch einen Sechs-Meter-Touchscreen – der wohl größte überhaupt in Fernsehstudios – , vor dem Vines Kollegin Emily Maitlis die Ergebnisse in einzelnen Wahlkreisen erklärte.

In einem Zeitalter, wo jeder Computernutzer Infografiken mit einfacher Software selbst basteln kann, werden die Halbwertszeiten für gutes Fernseh-Grafikdesign immer kürzer. Schon wenn wir nur mal sieben Jahre zurückblicken, mutet der damalige Look etwas altbacken an …

Hauptanchor der Wahlnacht war übrigens ein Mann, den die BBC-Zuschauer seit Jahrzehnten kennen: David Dimbleby, Question Time-Moderator und mittlerweile 78 Jahre. In der ersten Wahlnacht, die er moderierte, kam Maggy Thatcher an die Macht – das war 1979. Die Unterhauswahl 2017 war für ihn als Moderator die General Election Nummer zehn!

Beginnend mit der ersten Prognose um 22 Uhr sendete das Wahlstudio die ganze Nacht hindurch – bis zum nächsten Morgen. Und wer sich wunderte, warum die BBC als erstes ausgerechnet nach Sunderland schaltete, wo junge Menschen hektisch mit Wahlurnen durch die Gegend rannten: It’s tradition! Die Städte Sunderland und Newcastle wetteifern seit vielen Jahren darum, als erste Wahlkreise ihr Auszählungsergebnis verkünden zu können. Dafür wird mit den Studenten sogar vorher der Wahlurnen-Sprint trainiert. Ohne britische Eigenarten geht also auch der Wahlabend nicht ab.

Wer wissen wollte, wann der heimische Wahlkreis komplett ausgezählt ist, konnte sich übrigens für eine Message-Service bei facebook eintragen: Wahlberichterstattung im Jahr 2017 – in Großbritannien! Ich bin gespannt auf die Bundestagswahl…

P.S.: Die erste Wahlnacht im BBC-Fernsehen gab es bereits 1950 – da guckte Deutschland noch vergeblich in die Röhre. Und: Der erste BBC-Wahlcomputer stand 1955 für den Einsatz bereit – war aber zu groß fürs Studio.

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