Ein Interview vorbereiten und führen: Tipps und Stichpunkte von Radiojournalist Joachim Dresdner

Ab sofort gibt’s ja ein Podcast zu diesem Blog! Und Joachim Dresdner (MDR, Deutschlandfunk) hat in der ersten Folge Tipps gegeben zum Vorbereiten und Führen von Interviews. Was mache ich, wenn der sonst sprudelnde Gesprächspartner vor dem Mikro plötzlich kurz angebunden antwortet, und wie ordne ich alle Fragen im Kopf? Einige seiner Tipps hat Joachim hier nochmal kurz notiert – vielen Dank!

Radioreporter befragt Automechaniker 1930
Aus jeder Gesprächssituation das Beste machen: Ein finnischer Radioreporter befragt einen Automechaniker – so aufgenommen in den 1930er Jahren. Gefunden bei flickr.com, unter dem Tag „Yle Archives“.

„Das ist das Schönste am Journalismus: Dass die Antworten auf die Fragen oft völlig anders sind als vermutet.“ (Susanne Beyer, stellv. Chefredakteurin DER SPIEGEL, 25.03.2017)

Für feinfühligen oder konfrontativen Umgang mit Gesprächspartnern braucht’s Mut zur Offenheit gegenüber sich selbst und gegenüber dem Gesprächspartner. Zeigen, dass auch der Mensch hinter dem Thema interessant ist! Mut zur Unterbrechung, Wiederholung, gegebenenfalls auch zum Abbruch, oder zu Fragevarianten mit gleichem Inhalt.

Wie bereite ich mich auf ein Interview vor?  Wie finde ich gute Interviewpartner?

Zeitungen, Agenturen, Radio, TV – Passt der/die Gesprächspartner/in in das Format? Das ist eine der grundlegende Fragen, die man früh klärt. Wer in früheren Interviews/Beiträgen positiv auffällt, findet seinen Platz in einer entsprechenden Kartei. Pressekonferenzen sind gute Gelegenheiten zur Gesprächspartnersuche! Die Fragen der Kollegen können außerdem Tipps zu Seiten eines Themas geben, an die ich selbst nicht dachte. Und ich kann beobachten, wie Interviewpartner auf bestimmte Fragen reagieren.

Weitere entscheidende Punkte: Habe ich ein emotionales oder ein Sachthema? Welche Information erwarte ich von meinem Gesprächspartner? Was wäre meine alles auf den Punkt bringende Frage? Manchmal hilft es, von der erwünschten Antwort ausgehend die zielführende Frage zu entwickeln. „Wie sehen sie…“, „Weshalb haben sie…?“
Bei aufgeregten Gesprächspartnern: Das Interview beruhigend beginnen. Herunterspielend sagen, dass es „nur“ um Hörfunk ginge, um ein lockeres Gespräch, ohne größeren Aufwand, beziehungsweise um sachliche, aber allgemein verständliche Infos.

Welche Interview-Strategien passen für welchem Fall?  Was, wenn etwa der Interviewpartner plötzlich gar nicht mehr so eloquent und flüssig redet wie beim Vorgespräch am Telefon?

Ich sollte damit rechnen, dass sich Gesprächspartner am Handy oder in ihrer gewohnten Umgebung eloquenter artikulieren. Fühlt sich der Gesprächspartner vor Augen und Ohren von Fachkollegen unwohl? Ist es besser vor die Tür gehen, eine kleine Runde zu drehen?

Ein gern genutzter Weg: Mit einem Smalltalk beginnen – und nahezu unmerklich, nahtlos zur ersten, knappen Frage übergehen. Falls der Gesprächspartner stockt: „Das können sie doch besser, wie am Telefon“ – und dann noch einmal versuchen, keine Scheu! Dennoch: Manchmal hilft „provozieren“, d.h. Konfrontation mit konträren Ansichten. Wenn es passt, mit Fakten und Quellen glänzen, d.h. gute Vorbereitung erkennen lassen: „Schon am Telefon erzählt! Jetzt bitte was Neues!“

Wie stellt man delikate oder sensible Fragen so, dass der Interviewpartner sie beantwortet –  und an welcher Stelle baue ich sie ein?

Es geht um Neuigkeiten, nicht um Bestätigungen! Damit rechnen, dass Gesprächspartner ihre „Botschaften“ geübt formulieren, unabhängig von der konkret gestellten Frage. Deshalb: Welche Frage stellten bisher viele? Ist meine auch passend, oder sollte sie besser völlig anders gestellt werden?

Ansätze aus Vorgespräch zugespitzter aufgreifen! Weicht der Gesprächspartner aus, kurz eine sehr präzise Ja/Nein-Frage stellen (ausnahmsweise!), dann weiter. Politiker: Immer kritisch sehen, anzweifeln! Aussageabsichten unterstellen und erkennen.

Und: Man sollte sich Zeit lassen für das Interview, auch wenn der Gesprächspartner zur Eile drängt oder der Redaktionsschluss naht. Wenn der Gesprächspartner nonstop redet, nervös wirkt oder Fremdwörter nutzt: Gegebenenfalls unterbrechen, neu ansetzen  und mit einer Frage Spannung erzeugen oder dämpfen.

Beim „Plaudern“ das Mikro spontan aufzumachen hat oft die besten O-Töne gebracht. Problematische Fragen hebt man sich eher für den Schluss auf. Ich  stelle Fragen oft nach der Clustertechnik: Nehmen wir das Beispiel Maut. Dazu stelle ich mir vier Unterthemen vor, zu denen ich den Interviewpartner befragen will: Das geplante Vorgehen in Deutschland, die rechtlichen Spielräume, Regelungen in anderen EU-Staaten, sowie deren Kritik an den deutschen Plänen. Sollte der Interviewpartner, statt die erste Frage klar zu beantworten, bereits auf das nächste Clusterthema ausweichen, hole ich ihn zurück. Was nicht ausreichend verständlich beantwortet wurde, erfrage ich erneut.
Man sollte auch keine Scheu haben, eine Frage in drei verschiedenen Varianten zu stellen, falls der Gesprächspartner ausweicht! Bis „Frage/Antwort-Chemie“ stimmt: „Jetzt habe ich Sie verstanden!“ Denn: Ich bin stellvertretend für den Radiohörer hier. Erst wenn die Frage wirklich (und präzise) beantwortet ist, hake ich das Cluster ab. Und: Genau hinhören, auch um ein nächstes Thema mitbringen zu können.

Bei jedem Interview, jedem O-Ton, den ich einhole, sollte ich daran denken: Ich habe kein Recht, den Hörer oder Zuschauer zu langweilen, und kein Recht ihm Bekanntes nochmal zu bestätigen.

Joachim Dresdner

Wer nachmittags DT64 anschaltete, hat auch ihn gehört: Joachim Dresdner. (Foto: privat)

Nach seiner Ausbildung zum Facharbeiter für Funktechnik, Tonstudiotechnik, und Armeedienst kam er 1973 zum Hörfunk, zum Berliner Rundfunk – zunächst als redaktioneller Mitarbeiter, dann als Redakteur und Präsentator der Sendung „Pulsschlag der Zeit“ und des Frühprogramms „Guten Morgen Berlin“.

Ab 1980 moderierte er im Jugendstudio DT 64 (noch beim Berliner Rundfunk), dann beim später eigenständigen Jugendradio DT 64 Formate wie «Antwort-sofort“», «Meinungstelefon» und „Tramp“, die er selbst entwickelt hatte, dazu Sendungen wie «Gast-Stube», «direkt»(mit „Achim & Oldies/A & O)  und „Wunschkonzert“.

Bei DS-Kultur moderierte er das Frühprogramm mit klassischer Musik. Er betreute die Senderreihe „Menschen und Landschaften“, redaktionell und führte sie beim DeutschlandRadio Berlin weiter, wo er auch das vormittägliche Magazin „Hören und Sagen“ moderierte. Ab 1999 einige Jahre beim mdr in Magdeburg als Moderator des Vormittagsmagazins und als Redakteur/Präsentator von „Report-Sendungen“. Seit fast 20 Jahren ist Joachim vor allem als Reisejournalist für den Deutschlandfunk unterwegs. Dort könnt Ihr seine Reportagen u.a. in der Sendung Sonntagsspaziergang hören.

Joachim Dresdner ist auch bei Twitter aktiv als @dresdner_jo und hat auf diesem Blog bereits Tipps für frische Freie gegeben und über die Geschichte der Mittelwelle geschrieben.

 

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