Journalismus-Studium? Ja – gerade heute

„Journalismus studieren – ja oder nein?“ ist das Thema der ersten Blogparade, die hier auf dem medienpraxis-Blog läuft. Anna von Garmissen hat dazu einen Gastbeitrag geschrieben. Vielen Dank, Anna :-)!

Du studierst Publizistik? Bist Du verrückt? Als ich mich Mitte der 90er Jahre an einer großen Universität einschrieb, erntete ich viel Skepsis aus meinem Umfeld. Wie sich herausstellte, waren die Zweifel zumindest vordergründig berechtigt. Schon im ersten Proseminar wurde klar: Zwischen der Arbeit in einer Redaktion und dem, was Kommunikationswissenschaftler so treiben, liegt eine Riesenkluft. Und keiner interessiert sich wirklich für die Gegenseite. Nach einigen Semestern habe ich  gewechselt. Nicht die Fachrichtung, sondern die Uni: Heraus aus dem Massenbetrieb, hinein in einen kleinen, dafür wendigen und praxisnahen Journalistik-Studiengang.

Inzwischen sind wir über 20 Jahre weiter. Auch an den großen Unis hat sich viel getan. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis wird zwar nie so ganz verschwinden, aber mein Eindruck ist: Die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen, hat zugenommen. Die Hochschulen sind viel näher an ihre Forschungsobjekte gerückt – man denke an die aktuelle Vorlesung zur Lügenpresse an der Uni Hamburg. Viele Studiengänge setzen verpflichtende Redaktionspraktika voraus, konzentrieren sich auf bestimmte Sparten oder betten ein studienbegleitendes Volontariat ein. Das Angebot ist bunter, vielfältiger geworden.

Auf der anderen Seite weiß ich jetzt die „öde Theorie“ zu schätzen, die mir die Uni mitgegeben hat – gerade heute, wo unsere Branche vor lauter Wandel und Digitalisierung so ins Taumeln gerät, dass größere Blickwinkel oft verlorengehen. Da ist es zum Beispiel gut zu wissen, dass Phänomene wie der konstruktive Journalismus, mediale Filterblasen oder die krachenden Fehleinschätzungen der Demoskopen beim Brexit und den US-Wahlen nicht völlig überraschend aus dem Himmel fallen. Schon vor Jahrzehnten haben sich Forscher mit ähnlichen Entwicklungen, den dahinter stehenden Bedürfnissen und Zusammenhängen beschäftigt. Wer, um bei den Beispielen zu bleiben, schon einmal was vom Uses-and-Gratifications-Ansatz, von Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz oder von der Schweigespirale gehört hat, hält zumindest inne und fängt an zu gewichten und zu hinterfragen, bevor er oder sie sich im Chor der Aufgeregten mit ereifert.

Zugegeben, als Medienjournalistin gehöre ich einer ziemlich speziellen Minderheit an. Da macht ein Journalismus-Studium nun mal genauso viel Sinn wie ein Biologie-Studium für einen Wissenschaftsjournalisten. Trotzdem finde ich: Gerade heute kann es für Journalisten jeglicher Fachrichtung nur von Vorteil sein, die Mechanismen der eigenen Zunft zu verstehen – dazu muss man sie beobachten, analysieren, diskutieren. Und wo kann man damit besser anfangen als in der akademischen Ausbildung?

Anna von Garmissen ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Medien, Journalismus und Gesellschaft. Seit ihrem Studienabschluss an der Uni Bamberg darf sie sich „Diplomjournalistin“ nennen.

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