„Bloß nicht Journalismus studieren – und sich streitbar in die Redaktion einbringen“: Sieben Tipps für frische Freie von „Tagesspiegel“-Redakteur Sidney Gennies

2008 lobte ihn die „Main-Post“ für seine gelungene Rede als Schülersprecher auf einer Abiturfeier. Acht Jahre später ist Sidney Gennies bei einer der wichtigsten deutschen Tageszeitungen in einem der bedeutendsten Ressorts zu Hause: Beim Tagesspiegel ist er mit zuständig für „Die Dritte Seite“. Traditionell das Print-Aushängeschild, mit großen Reportagen und investigativen Stories. Ein großer Sprung also – mit vielen Zwischenstationen: Mit 15 war er bereits freier Schreiber bei der Lokalzeitung in Bad Neustadt und später in Würzburg, studierte nach dem Zivildienst Islamwissenschaften an der FU Berlin und der American University in Kairo. Das Volontariat absolvierte er beim Tagesspiegel. Als freier Journalist war er unter anderem für ZEIT-Online und jetzt.de tätig. Mit 24 setzt ihn das medium magazin auf die Liste der 30 besten Journalisten unter 30.

Sidney GenniesFoto: Kai-Uwe Heinrich
Sidney Gennies ist beim „Tagesspiegel“ mit verantwortlich für das Aushängeschild der Zeitung, die dritte Seite. Foto: Kai-Uwe Heinrich/Tagesspiegel

Und da gab es noch das Zwischenspiel als Pressesprecher für DIE PARTEI im Landesverband Berlin. „Aus einer Bierlaune heraus“, wie Sidney erzählt. Nur ein paar Monate zwar – dennoch bleibt er bei dem Grundsatz, nicht über sie zu schreiben. Eher über Politik aus und  für Berlin, den Nahe Osten und die AfD. Und darüber, wie der Journalismus angesichts von Lügenpresse-Vorwürfen seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen kann.

1. Sidneys wichtigster Tipp: Bloß nicht Journalismus studieren! „Es gibt bereits genügend Germanisten und Medienwissenschaftler in den meisten Redaktionen. Weiter bringt einen eher spezielles Fachwissen – also Jura, Medizin oder auch BWL.“

2. So früh wie möglich anfangen mit journalistischer Arbeit! „Je früher man aus seinen Berichten zum Kleintierverein und den dabei aufgetretenen Fehlern gelernt hat, desto schneller ist man fähig, andere, größere Themen anzupacken.“

3. Fremdsprachen lernen – in einer zunehmend globalisierten Welt sind sie das A und O. Und wer im Ausland die Sprache vor Ort beherrscht, dem vertrauen die Menschen eher, so Sidneys Erfahrungen.

4. Neue Freie sollten sich mit bereits fertigen Texten bewerben. „Beim Tagesspiegel erhalten wir viele Angebote von Freien, die dieses oder jenes Thema für uns recherchieren und umsetzen möchten“, weiß Sidney. Das Risiko, dass am Ende der Artikel nicht die gewünschte Form hat und ein Ausfallhonorar fällig wird, nimmt die Redaktion bei Autoren, die sie noch nicht kennt, selten auf sich. Wer Artikel einschickt, sollte wissen, welche Art von Texten gebraucht wird und das Blatt kennen: „Wir erhalten aber dennoch immer wieder Angebote für 100-Zeilen-Reportagen, obwohl bei uns mindestens 300 Zeilen üblich sind.“

5. Sich etwas zutrauen! Ist man erstmal in einer Redaktion, sollte man Debatten- und Konfliktfähigkeit zeigen. „Um Grenzen nach vorn zu verschieben, um für sich selbst etwas zu erreichen, sollte man nicht im falschen Moment bescheiden sein“, rät Sidney. Heißt: Mitfechten im konstruktiven Streit um die besten Ideen, wie etwa ein Thema umzusetzen ist – mit begründeten Standpunkten. Damit erreicht man Aufmerksamkeit – und vielleicht den Auftrag für diese Geschichte. Dass er als junger Journalist bereits zur Seite Drei vorstoßen konnte, sei zum einen Glück gewesen, erzählt Sidney. „Zum anderen habe ich mich schon während des Volontariats stark im Seite-3-Ressort eingebracht und danach auch als Blattmacher im Politikteil viel Engagement in Schwerpunktseiten gesteckt und versucht, eigene Themen zu setzen.“ Und so hat’s vielleicht auch geklappt, als dann eine Stelle bei der Seite 3 frei wurde.

6. Sich ein dickeres Fell zulegen und mit dem raueren Ton der Leser/User umzugehen lernen. „Nicht nur im Netz, auch in Leserbriefen gibt es immer wieder Beschimpfungen oder Verschwörungstheorien“, erzählt Sidney Gennies. Er nehme dies nicht persönlich, berechtigte Einwände fuchsen ihn dafür umso mehr. Recherchen heutzutage müssten deshalb umso gründlicher und absolut wasserdicht sein: „Nicht nur wir Journalisten kommen im Netz viel schneller an bestimmte Zahlen und Infos, sondern auch die Leser.“

7. Die sozialen Medien beherrschen! In vielen Fällen haben ältere Redakteure noch nicht die Erfahrung mit oder den Zugang zu Twitter, Facebook und Co. Hier könnten jüngere Freie durchaus noch punkten, schätzt Sidney Gennies ein.

Als einer, der öfter über die AfD schreibt und deren Politiker trifft: Wie geht er mit dieser Partei um? „Auf Interviews bereite ich mich sorgfältig vor, so wie bei jedem anderen Politiker-Termin auch“, erzählt der Tagesspiegel-Redakteur. Auf Seiten der AfD-Funktionäre sei der Umgang mit der Presse professionell. Es seien eher Partei-Anhänger, die Probleme bereiten. Die AfD spiele mit dem Vorurteil der Lügenpresse, doch man wisse dass man die Medien brauche.

Daneben besteht Sidney Gennies‘ Redaktionsalltag jedoch vor allem aus konzeptioneller Arbeit. Seine drei Kollegen und er suchen nach passenden Themen und nach Erzählansätzen – und nach Kollegen in den jeweiligen Ressorts, die ein Thema in der Langform umsetzen können und wollen. „Wir bieten bei Bedarf auch Hilfe beim Aufbau und der sprachlichen Gestaltung einer solchen Geschichte, machen also klassische Textarbeit.“

Sidney Gennies – hier seine Tagesspiegel-Autorenseite – ist auch bei Twitter zu finden, bei Google+ und hat ein Portfolio bei torial.

Alle Tipps für frische Freie findet Ihr hier: https://medienpraxis.wordpress.com/tag/tipps-fur-frische-freie Was würdet Ihr denn neuen Freelancern raten? Oder seid Ihr selbst grad am Start und habt Fragen? Kommentiert, twittert oder mailt: @heiko_LE bzw. medienpraxis at gmx minus topmail punkt de.

 

 

 

 

 

 

 

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