„Webvideo lernen, sich was trauen und Haltung zeigen“: Sieben Tipps für frische Freie von Christiane Wittenbecher, Webvideoreporterin (DIE WELT/N24)

Irak, Lesbos, Moskau: Mit ihrer VJ-Kamera und per Periscope-Livestream hat Christiane Wittenbecher schon aus etlichen Ecken der Welt berichtet. In kurzer Zeit hat sie viel an journalistischer Erfahrung gesammelt und war oft beim Start neuer Projekte dabei. Eigentlich seien Medien nie ihr Traumberuf gewesen, doch beim Leipziger Uniradio mephisto 97.6 kam die Begeisterung für Features, Reportagen und Satire im Radio auf. „Erste schmerzhafte Lernerfahrung war, dem Interviewpartner niemals das Reportermikro in die Hand zu geben“, erzählt Christiane. Nach Studium sowie MDR-Volontariat ging sie in ihre Heimat Sachsen-Anhalt zurück. Hier arbeitete sie beim MDR frei für Radio, Fernsehen und Online und entwickelte bereits ein eigenes VJ-Format fürs TV, das wöchentlich ungewöhnlich erzählte Geschichten über schräge und subkulturelle Trends zeigte.

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Christiane Wittenbecher auf dem MediaHackDay bei Springer im November 2014. Sie ist Reporterin im Webvideoteam von WELT und N24. Foto: Martin Heller/Webvideoblog.de

Nebenher hat sie einen der mittlerweile erfolgreichsten Facebook-Auftritte im Dritten mit aus der Taufe gehoben. Später für das MDR-Osteuropamagazin „heute im Osten“ Reportagen etwa aus der Ukraine – oder aus einer „Luderschule“ in Moskau. Seit fast zwei Jahren reist die 32-Jährige für das Webvideoteam von WELT und N24 zu Brennpunkten politischer Krisen. Oder versucht mit Henrik Neumann, hinter die Geheimnisse der deutschen Youtube-Szene zu kommen. Viel Erlebtes – und Stoff für viele Tipps!

1.Praktika und freie Mitarbeit nutzen für den Realitätscheck! Wer ganz frisch in de Medien einsteigt, sollte lernen, wie Formate und Redaktionshierarchien funktionieren. „Und vielleicht findet man dabei sogar für sich heraus, dass auch Boulevard interessant, gut gemacht sowie spannend sein und Spaß machen kann“, meint Christiane. Oder ob man gut in flachen Hierarchien arbeiten kann, welche Redaktionen experimentierfreudig sind und welche nicht.

Damit verbunden: Volontariate sind der beste Einstieg! Nicht nur um das Handwerkszeug zu lernen, sondern auch um verschiedene Formate für sich zu testen und ein Netzwerk in Redaktionen aufzubauen, welches später bei der Jobsuche wichtig sein kann.

2. Sich etwas trauen – auch (und gerade!) aus der kleinen Lokalklitsche heraus! Und initiativ bewerben! „Selbst wenn man das Gefühl hat, dieser oder jener Job ist eine Nummer zu groß, so bringt eine derartige Bewerbung trotzdem etwas. Und sei es nur, interessante Journalisten kennen zulernen oder im Gespräch seinen Marktwert und sein eigenes Auftreten zu testen.“

3. Sich in Sachen Webvideo fitmachen! „Journalisten, die eine Kamera bedienen können und wissen, was gute Bilder ausmacht, sind gefragt“, bestätigt Christiane. Ein Auge für gute Fotos haben, das Handwerkszeug für Mobile Reporting zu kennen oder kleine Video-Snippets zu liefern und das eigene Smartphone intelligent einsetzen zu können: Das wird auch bei Lokalzeitungen und deren Social-Media-Auftritten immer wichtiger. „Man sollte wissen, wie man die einzelnen Kanäle wie Facebook, Twitter oder Snapchat bedienen kann“ – und wo die Unterschiede zu anderen Medien liegen, ist die VJ-Frau überzeugt. Als Beispiel nennt sie Periscope, was man nicht als Billig-TV vom Smartphone missverstehen sollte: „Periscope ist keine Einbahnstraße, wo man high end-gestylt einen Aufsager macht.“ Der Reiz dieses Instruments ist der persönliche Kontakt: „Hier kann und muss man Gespräche führen mit den Nutzern und beispielsweise auf ihre Fragen antworten, wenn man an einem Schauplatz unterwegs ist.“ Oder in manchen Situationen auch die Bilder unkommentiert wirken lassen: „Als ich vor kurzem auf Lesbos miterlebte, wie gerade ein Flüchtlingsboot ankam, konnte ich nichts erklären, die Situation war so stark, so überwältigend“, erinnert sie sich.

4. Programmieren lernen. Ein kleiner Grundkurs in Coden und SEO kann nicht schaden. Es hilft zu begreifen, wie digitale Medien tatsächlich funktionieren und wie man dieses Wissen so einsetzen kann, dass man seine eigenen Geschichten zum Fliegen bringen kann.

5. Als Freier eine eigene Marke entwickeln! Immer wieder ist dieser Tipp zu hören. Man sollte bei aller Eigenpromo aber darauf achten, dass man nichts allzu stark inszeniert. Christiane Wittenbecher nutzt ihr professionelles Facebook-Profil sowie Twitter und Co., um Einblicke in die eigene Arbeit zu geben.

6. Haltung ist wichtig! Echte Einsatzbereitschaft und Lust auf Neues zahlen sich aus, ist Christiane überzeugt. Das bedeute jedoch nicht, Privates immer hintenan zu stellen. Und: „Journalismus ist zwar eine Branche mit starkem Wettbewerb, dennoch kommt man mit Teamfähigkeit weiter als mit Egoismus.“

7. Und schließlich: Der Wille, besser zu werden. Und sich mit Leuten umgeben, die besser sind als man selbst.

Auf die Frage, wo sie derzeit Nischen und Einstiegsmöglichkeiten für Journos sieht, kommt Christiane Wittenbecher nochmal auf ihren eigenen Bereich zu sprechen, die Webvideo-Sparte. Nicht nur eigenes Filmen sei gefragt. Sondern auch Editieren, also aus fremden Quellen Videos zu schneidern und plattformgerecht aufzubereiten. „Denn immer mehr Redaktionen merken, dass ‚one fits all‘ nicht funktioniert.“ Ein weiterer Trend: Virtual Reality.

Auf ihren Auslandsreisen hat die Reporterin erlebt, dass Journalismus anderswo teils auch anders funktioniert: Obrigkeitstreue Stringer in männerdominierten Gesellschaften beispielsweise, die sie als Reporterin nicht ernst nehmen oder keine Drehgenehmigungen eingeholt haben. Nicht eingehaltene Absprachen oder Drehtermine im Irak, denen mehrstündige Teerunden in Ministerien vorausgehen. Christianes Fazit: Klar kommunizieren und kulturelle Unterschiede einbeziehen. Und: „Der Stringer muss auf deiner Seite sein.“ Und man muss flexibel genug sein, vor Ort den Plan umzuwerfen und eine neue Geschichte zu entdecken können, wenn Plan A nicht funktioniert. „Doch auch wenn alles schiefgeht, meistens kriegt man es doch hin und am Ende steht eine gute Story.“

Christiane Wittenbecher ist zu finden auch bei Twitter, Facebook, Google+ und bei Snapchat.

Alle Tipps für frische Freie findet Ihr hier: https://medienpraxis.wordpress.com/tag/tipps-fur-frische-freie Was würdet Ihr denn neuen Freelancern raten? Oder seid Ihr selbst grad am Start und habt Fragen? Kommentiert, twittert oder mailt: @heiko_LE bzw. medienpraxis at gmx minus topmail punkt de.

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