„Das Netzwerk aus Volozeiten macht Bewerbungen überflüssig“: Fünf Tipps für frische Freie von Anja Datan-Grajewski

Auf einem spannenden Berichtsfeld hat sie den Sprung ins Freisein gewagt: Anja Datan-Grajewskis Steckenpferd sind die Länder Osteuropas, besonders Polen und die Ukraine. Als Journalistin pendelt sie zwischen Leipzig und Warschau. Osteuropastudium in Chemnitz, Journalistik in Leipzig, MDR-Volo, danach Stipendien in Polen und Kiew – ein Werdegang, der geradezu aufs Arbeiten auswärts hinzuführen scheint: „Mal ins Ausland gehen wollte ich von vornherein“, erzählt die 30-jährige.

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Zwei Jahre nach der Kiewer Maidan-Revolution hat sie die Stimmung der Ukrainer in einem Straßenblog eingefangen: Anja Datan-Grajewski ist als freie Journalistin in Osteuropa unterwegs. Foto: Julia Kochetova

Zwei Jahre sammelte sie Radio- und Fernseherfahrungen bei MDR Sachsen-Anhalt. Derzeit arbeitet sie hauptsächlich für das MDR-Magazin Heute im Osten, und ihr Blog „Postmaidan“ brachte ihr neben viel Online-Echo und Berichten bei MDR Aktuell und Heute im Osten auch eine Foto-Ausstellung in Warschau ein. Noch ist sie ganz frisch als Selbständige: Aber wie hat sie ihren Weg ins Freisein gefunden?

Das Netzwerk aus Volozeiten pflegen! Denn vor allem dies hat viele Türen geöffnet. „Wenn man bestimmte Redaktionen durchlaufen hat, ist man ‚drin‘, man muss keine Bewerbungen mehr schreiben“, resümiert Anja. „Alles hat sich mehr durch Zufall entwickelt, ohne dass ein Businessplan da war“, blickt sie auf ihre ersten  Jahre als Freie zurück – wobei sie immer noch dabei sei, sich aufzustellen. Hilfe erfährt sie manchmal auch vor Ort: „In Polen gibt es relativ viele Freie für unterschiedlichste Medien, doch man sieht sich weniger als Konkurrenz.“

Gute Sprachkenntnisse sind das A und O. Natürlich können vor allem junge Polen auch englisch, doch um Zwischentöne herauszuhören sei die Landessprache unabdingbar, meint Anja. Einen Dolmetscher einschalten kostet Geld, und im Gespräch gehen – wenn auch nur gering – stets Informationen verloren. Das Ansprechen in Polnisch schafft darüber hinaus auch Vertrauen.

Anjas dritter Tipp: Nicht gleich mit Sack und Pack umziehen! „Man trifft im Ausland viele Kollegen, die nur zeitweise vor Ort sind, ihre Geschichten recherchieren und versuchen, Themen zu verkaufen“, hat sie in Polen registriert. Das sollte man ein paarmal ausprobieren, rät sie – und dabei sich auch mit anderen Freien treffen, die das Land bereits gut kennen.

Und mit am allerwichtigsten: Ein festes Standbein suchen und pflegen, das die Grundausgaben deckt. Bei Anja sind es regelmäßige Redaktionsdienste beim MDR.

Außerdem: Stipendien als Anschubfinanzierung nutzen! Das bringt Freiräume, um  Herzblutthemen zu verfolgen. Zweimal hat Anja dies nutzen können, unter anderem auch das mittlerweile beendete Medienmittler-Programm der Robert-Bosch-Stiftung 2013. Im vergangenen Jahr hat sie dann mit dem IJP-Stipendium ihren Straßenblog umsetzen können: „Ich hatte so die Freiheit, mein Postmaidan-Projekt zu machen“, so Anja. Ein Straßenblog, welches Menschen in ihrer Stadt vorstellt, hatte sie schon lange vor, und im Oktober und November gab ihr ein Ukraine-Stipendium dazu zwei Monate Zeit. „Mit dieser Form, persönliche Geschichten zu erzählen, erreicht man glaub ich auch Leute, die sich sonst nicht für Politik interessieren“, ist sie überzeugt. Sie wollte die Frage, was die Maidan-Revolution vor zwei Jahren dem Land brachte, von Ukrainern beantwortet wissen. Der zweite Jahrestag war zudem gute Gelegenheit, das derzeit in deutschen Medien vernachlässigte Thema wieder ins Gespräch zu bringen. Viele der Befragten haben zudem begeistert und dankbar reagiert, erzählt Anja. Etwas überraschender Fakt: Die Ukraine ist sehr netzaffin. „An einem Tag hatte ich 29 Freundschaftsanfragen bei Facebook“.

Die Erfahrung ihrer Auslandseinsätze: Journalistisches Arbeiten unterscheidet sich nur in Details – ob nun in Kiew, Polen oder Deutschland. So sei man in Polen offener gegenüber dem Netz: „Jeder Pressesprecher hat da seine Mobilnummer auf der Webseite“, berichtet Anja. Vieles wird statt per Mail über einen direkten Anruf geklärt. Ein für sie wohltuender Unterschied zu Deutschland, wo Handynummern von Sprechern oder Referenten manchmal zu gutgehüteten Redakteurs-Schätzen gehören und Behörden gern auf eine Anfrage per Mail beharren. Andererseits sind der Umgang mit Journalisten und das Go für Drehgenehmigungen in Polen oft noch den Firmenchefs oder Direktoren vorbehalten – man ist hierarchischer organisiert.

Über Anjas Arbeit in Polen zu reden, geht derzeit natürlich nicht, ohne über das neue Rundfunkgesetz zu sprechen. Das Gesetz trifft ihre eigene journalistische Arbeit nach momentanem Stand eher wenig, schätzt Anja ein. Doch vor allem die einheimischen Kollegen im öffentlich-rechtlichen Bereich seien sehr verunsichert: Man arbeite jetzt vorsichtiger. Ein Kollege, der fließend Deutsch spricht und viele Jahre Themen aus polnischer Sicht kommentierte, reagiere beispielsweise nicht mehr auf Interviewanfragen deutscher Kollegen: „Man müsse aufpassen als Angestellter im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“.

Anja Datan-Grajewski twittert unter @anjadatan und ist auch auf tumblr aktiv (umtriebig.tumblr.com). Ihre Post-Maidan-Porträts sind unter anderem auf ihrem Blog oder bei heuteimosten.mdr.de zu finden. Was würdet Ihr denn neuen Freelancern raten? Oder seid Ihr selbst grad am Start und habt Fragen? Kommentiert, twittert oder mailt: @heiko_LE bzw. medienpraxis at gmx minus topmail punkt de.

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