Abschied von der Mittelwelle

Es rauschte und fiepte, Stimmen und Musik klangen meist etwas dumpf – doch egal, man hatte das Ohr an der großen weiten Welt! Die Mittelwelle war das Zuhause für’s Radio in dessen Geburtsstunde. Nun, 92 Jahre und zwei Monate nach der ersten Ansage aus der „Sendestelle Berlin“, verabschieden sich Deutschlands Hörfunksender von dieser Wellenlänge. Ende 2015 ist Schluss! Joachim Dresdner, Radiojournalist und gelernter Studiotechniker, schaut deshalb auf die Hörfunkgeschichte zurück. Der erste Gastbeitrag hier im Blog!

Radios Anfang – und der schnelle Weg zum Propaganda-Instrument

Der Foxtrott „Wenn die Jazzband spielt“ soll zum Auftakt 1923 gesendet worden sein, auf Welle 400. Nur 10 Jahre später hatte der Mittelwellenrundfunk seine Unschuld verloren, als sich die Sender des „Großdeutschen Reiches“ zusammenschalteten, um Reden der Naziführer in jeden Winkel zu übertragen. Wenn eine Ansprache für die „deutschen Volksgenossen“ angekündigt war, hatten sich die Firmenbelegschaften vor dem Lautsprecher einzufinden.

Die 20er Jahre: Lange vor Gründung der heutigen öffentlich-rechtlichen Sender beginnt die Geschichte des Radios in Deutschland. Am 29. Oktober 1923 strahlt „Die Sendestelle Berlin, Voxhaus“ um 20.00 Uhr erstmals den „Unterhaltungsrundfunk“ aus. (Quelle: http://bit.ly/1OLSIKQ)

Zwischen 1939 und 1941 erklang auf allen Reichssendern das „Wunschkonzert für die Wehrmacht“. Die Mittelwellen erreichten die Schützengräben des Zweiten Weltkrieges. Ilse Werner sang „Wir machen Musik“, live, im Haus des Rundfunks an der Masurenallee in Berlin (heute Sitz des rbb). Tausende Soldaten warteten auf Grüße aus der Heimat, oder später vom Polarkreis bis Nordafrika auf das allabendliche Sehnsuchtslied „Wie einst, Lili Marleen“, das der deutsche Militärsender Belgrad ausstrahlte. Da hieß es längst „Vorsicht! Feind hört mit“. Mit leisen, dumpfen Paukenschläge begann das deutschsprachige Programm der BBC. Psychologische Kriegsführung auf der Mittelwelle mit Informationen, gezielten Desinformationen und Musik. Die Todesstrafe drohte dem, der „Feindsender“ hörte.

Die Ultrakurzwelle kommt – und die Beatmusik

Nach Kriegsende wurde die Ultrakurzwelle, dank deutlich besserer Tonqualität bei allerdings geringerer Reichweite, mehr und mehr zur Konkurrenz für die weitreichende Mittelwelle. Noch immer leuchteten, auf der Skala der Rundfunkempfänger eingraviert, klangvolle, damals ferne Namen: Hilversum, Strassburg, Luxemburg, Saar, Beromünster, Monte Carlo. Die ersten Autoradios in Deutschland hatten Mittel- und Langwelle mit Aussetzern in Tunneln, Schwankungen unter Brücken und Störungen in der Nähe von Straßenbahnen.

Ich bringe dir die weite Welt nach Hause: Die Skala eines alten Röhrenradios, voll mit Stationsnamen von Monte Carlo über Luxemburg bis Leipzig II. Foto: privat
Ich bring‘ dir die Welt nach Hause: Die Skala eines alten Röhrenradios, voll mit Stationsnamen von Monte Carlo über Luxemburg bis Leipzig II. (Foto: J. Dresdner)

In den 60er Jahren nahm der „Unterhaltungsrundfunk“ noch einmal Fahrt auf, auf den oberen Frequenzen der Mittelwellen. Die Leistungen der Sender wurden auf 1,8 MW bis 2 MW gesteigert, Luxemburg, die Europawelle Saar und Radio Vatikan waren in Mitteleuropa gut zu empfangen. Der Auslandsrundfunk, nicht nur von der BBC, arbeitete. Fast jedes Land sendete auch in der Landessprache seiner Nachbarn. „Musik kennt keine Grenzen“, tönten die einen, „Musik, die gemeinsame Sprache der Völker“, die anderen.

Aus dieser Zeit betulicher Ansagen von verstaubt klingender Tanzmusik auf den UKW- und Mittelwellen der öffentlich-rechtlichen, oder staatlichen Sender in West- und Ostdeutschland hoben sich die vier fröhlichen Wellen von Radio Luxemburg schwungvoll ab. Frank Elstner, Dieter Thomas Heck und Thomas Gottschalk starteten dort ihre Karrieren.

Auf der Mittelwelle 1440 kHz setzten vor den deutschsprachigen Luxemburgern der radioverrückten Holländer Peter Koelewijn und nach ihnen der jinglende Engländer Tony Prince Maßstäbe in der Radiounterhaltung. Das war ein Aufbruch, das waren die Anfänge der Beatmusik im Äther, der Stones und der Beatles, neben Drafi Deutscher, Manuela und Roy Black!

Der Deutschlandfunk (u.a. 756 kHz, 1422 kHz) sendete in diesen Jahren den „aktuellen Plattenteller“, RIAS Berlin die „Schlager der Woche„. Und im Osten hieß es plötzlich und unerwartet: „Sie liebt dich!“ (yeah, yeah, yeah). Die von den Beatles auf Deutsch gesungene Version von „She Loves You“, übersetzt vom Radio Luxemburg-Moderator Camillo Felgen und Ende Januar 1964 aufgenommen, diese Nummer-Eins-Single lief nur wenige Monate später bei DT64! Die Beatles standen mit an der Wiege des DDR-Jugendsenders, der bis 1992 vom Funkhaus in der Ostberliner Nalepastraße sendete.

Krieg im Äther: Prager Frühling und Freiheitssender

Hier wie da und vor allem auf der reichweitenstarken Mittelwelle gab es den sogenannten „Krieg im Äther“. Im Hochsommer 1968 nahm er „heißere“ Formen an, als der Sowjetführer Breshnew Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei schickte, um seinen sozialistischen Machtbereich zu erhalten. Legendär der verzweifelte Kampf der Techniker und Reporter von Radio Prag um jeden einzelnen Mittelwellensender. Die Zentrale in den Weinbergen Nummer 12 wurde von sowjetischen Panzern zerschossen, das Vordergebäude steht seitdem nicht mehr. Für Radio Prag meldeten sich Unterstationen, wie der Sender „České Budějovice“ (Budweis) auf Mittelwelle 1286 kHz ab 19.00 Uhr in einer deutschsprachigen Sendung und Aufrufen an (DDR-)deutsche (NVA-)Soldaten, das Land zu verlassen: „Ihr habt vergessen, dass die Erinnerung an 1938 noch besteht, ihr habt vergessen, dass der Ruf der deutschen Demokratie in Gefahr ist…“ Zwar wurde die gesamte DDR-Armee in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt, aber eingegriffen hat sie offenbar nicht.

Die Station „České Budějovice“ meldete sich auch in den anderen Sprachen der Mitgliedsstaaten des Warschauer Vertrages. Die hastig verlesenen Aufrufe klangen wie unter Zeitdruck geschrieben. Zur Stunde, hieß es etwas später, stünden Tausende Menschen vor dem Gebäude von Radio Prag. Ein anderer Sender, der offensichtlich auf der gleichen Frequenz sendete, bezeichnete sich als tschechischer „Freiheitssender“.

Der Deutsche Freiheitssender 904 und der Deutsche Soldatensender (935 Khz) strahlten zwischen 1956/1960 und 1971/1972 von Burg bei Magdeburg zwar in den Westen Deutschlands aus, doch gehört wurden beide vor allem in der DDR! Dort liefen zwischen Propagandablöcken stundenweise englische und (teils nachgesungene) westdeutsche Hits vom Band.

So war die Mittelwelle: Musik und Kampf der Worte. In dieser Zeit stiegen meine Mitlehrlinge und ich regelmäßig den Funkerberg in Königs Wusterhausen bei Berlin hinauf, zur Berufsschule. Zu meiner Ausbildung zum Tonstudiotechniker gehörte die Berechnung von Amplitudenmodulationen, von Linearverstärkern, Trägerfrequenzen und Übertragungsmedien.
In Sichtweite der Unterrichtsräume auf dem Berg ragten die rot-weißen Funkmasten der Sendestelle in die Höhe, zwischen 1913 und 1916 errichtet und immer wieder erneuert. Die Mittelwelle ließ sich – klangtechnisch – nicht erneuern. Sie schaffte den Sprung zum Stereorundfunk nicht und sie war weiter störanfällig, vor allem nachts, wenn Stationen mit Überreichweite andere Sender überlagerten. Pfeifen, Rauschen und Schwankungen verlangten dem Hörer einiges ab. Das musste er längst nicht mehr akzeptieren!

Wer ferne Radiosender hörte und ihnen eine Karte schickte, wo und wie er sie empfangen hatte, erhielt als Dank manchmal eine solche Urkunde. (Foto: J. Dresdner)

Das langsame Sterben der Mittelwelle

Anfang der 70er Jahre hatte die BBC mit einem Programm für die Jugend aufgerüstet und die bis dahin erfolgreichen Piraten- oder besser Seesender per Gesetz abschalten lassen. Das gleiche passierte vor der holländischen Küste. Radio Caroline, Big L., Radio Northsea International und viele andere mit ihren lockeren, gut aufgelegten Moderatoren verstummten. Sie hatten über Jahre die Hörfunklandschaft auf der Mittelwelle jugendlich frisch aufgemischt. Nach und nach verschwanden die großen Stationen aus dem MW-Frequenzband. Für Luxemburg kamen RTL-Radio und Radio China auf die 1440. Die Balkanstaaten sendeten Folklore und Nachrichten. Es war (und ist) zum Weghören!

Die Europäische Kommission zog die Notbremse für die energieintensive Mittelwelle. Sie beschloss, dass der analoge Rundfunk und damit die Mittelwelle bis Anfang 2012 in allen Mitgliedstaaten abgeschaltet werden sollte. Wie so oft ging das in der EU weder gleich noch sofort. Also senden auch nach 2012 eine Reihe analoger Sender weiter.

Anfang 2012 wurde zum Beispiel der SWR-Mittelwellensender Mühlacker auf 576 kHz abgeschaltet, der hoch moderne, transistorisierte Sender nach Kasachstan verkauft. Anfang September war die RIAS/Deutschlandradio Sendestelle in Berlin-Britz dran, nach rund 65 Jahren Sendebetrieb. Mit dem Abschalten dieser letzten Mittelwellenfrequenz in Berlin, so hieß es damals, gehe eine Ära zu Ende, die in Berlin begann, als das erste Hörfunkprogramm in Deutschland am 29. Oktober 1923 seinen Dienst aufnahm. Der Intendant des Deutschlandradios lud ein, bei diesem historischen Augenblick dabei zu sein, zu filmen und zu fotografieren.

Sendeschluss zugunsten digitaler Verbreitung

Auch die deutschsprachige Stimme Russlands sparte und schaltete Ende 2013 ihren Mittelwellensender auf der Frequenz 693 kHz in Zehlendorf bei Oranienburg ab. Und nun ist endgültig Schluss: In Deutschland laufen die Frequenzzuteilungen für den AM-Rundfunk nur noch bis zum 31. Dezember 2015.

Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) hatte zuvor den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufgefordert, die kostenintensive MW-Abstrahlung kurz- und mittelfristig zu beenden, um finanzielle Ressourcen für den digitalen Verbreitungsweg freizumachen. Im Standard DAB+ biete das Digitalradio klare Vorteile gegenüber der 90 Jahre alten Mittelwelle. Ihre Zeit ist also nun vorbei. Die MW hat ihre Dienste getan und –amplitudenmoduliert – Brücken geschlagen. Am 31. Dezember 2015 werden die letzten Mittelwellensender in Deutschland abgeschaltet. Kein „Auf Wiederhören“! Unwiderruflich.

Ab jetzt digital, ob mit begrenzter DAB+-Reichweite, oder grenzenlos weltweit im Internet. Denn vor allem dort, im Netz, geht die Post weiterhin ab, dort sind sie wieder zu hören: Radio Caroline, Big L. und Radio Northsea International u.a., dort lassen sich DT64 und Radio Luxemburg, oder auch Lucky Luxembourg – The great 208 nachhören. Jederzeit. Überall. Auch als App.

P.S.: Nach diesem Blogbeitrag hat übrigens auch das Leipziger Internetradio detektor.fm mit Jo Dresdner nochmal ausführlich über das Ende der Mittelwelle in Deutschland gesprochen. Das ganze Interview und mehr über die Radiohistorie findet Ihr hier – und dazu gibt es auch ein Feature über die Piratensender der Nordsee.

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