„Journalisten sollten gute Menschenkenntnis besitzen – und echte Neugier spüren lassen“: Sieben Tipps für frische Freie von Radiojournalist Joachim Dresdner

Wer nachmittags DT64 anschaltete, hat auch ihn gehört: Joachim Dresdner. (Foto: privat)
Wer nachmittags DT64 anschaltete, hat auch ihn gehört: Joachim Dresdner. (Foto: privat)

„DT64“: Der Name bringt noch immer viele Radiofans zum Schwärmen, auch wenn es die Station so schon lange nicht mehr gibt. Die „Power von der Eastside“ – so einer ihrer Slogans – spielte nicht nur Pop, sondern auch alternative Bands, Heavy und Weltmusik, und schnitt in Magazinen neben Politik auch Themen wie Sexualität an. Ihre Moderatoren trafen mit ihrer schnodderig-lockeren, aber nie flachen Ansprache einen Ton, den viele suchten. Lutz Schramm, Stephan Lasch oder Marion Brasch und Sylvia Hahnisch kannte man in der ganzen Republik. Ein Radio, das sich freier anfühlte als die meisten anderen DDR-Programme und das in der Wendezeit als kritischer Begleiter hervorragte: Als es Anfang der 1990er abgeschaltet werden sollte, gingen Zehntausende zum Protest und zu Mahnwachen auf die Straße.

Einer derer, die in den 1980ern das Programm mitgestalteten, war Joachim Dresdner. Zuerst absolvierte er im Funkhaus in der Berliner Nalepastraße eine Ausbildung zum  Studiotechniker, doch schnell interessierte ihn, was seine Journalisten-Kollegen machten. Es folgen Aufträge beim Berliner Rundfunk, Journalistik-Fernstudium, schließlich gut elf Jahre Jugendradio: Er moderierte das Nachmittagsmagazin DT64 direkt, die abendliche Talkshow Gaststube sowie die Politsendung Antwort sofort, in der Hörer zu aktuellen Themen Fragen stellen konnten. Auch an den populären Mensch, Du-Diskussionssendungen hat er mitgewirkt. „Diese inhaltliche Breite ist etwas, von dem ich immer noch zehre“, erzählt er. Heute arbeitet er als freier Journalist für den Deutschlandfunk, den MDR und den Bayerischen Rundfunk.

Gefragt nach seinen ganz spontanen Tipps für frische Freie antwortet er mit einer Gegenfrage: „Über welche Ereignisse willst du berichten? Was begeistert dich?“ Die Antwort darauf helfe zum einen, das eigene Profil zu schärfen und zum anderen sich klar zu werden, warum man überhaupt in diesen Beruf wolle. Joachims Empfehlungen – ganz grundsätzlich:

  1. Erweitere deinen Horizont und sei stets mit offenem Blick für Themen unterwegs! Das seien zwei der wichtigsten Voraussetzungen für freie Journalisten, macht Joachim Dresdner klar. „Dafür sollte man viel lesen, auch querbeet. Reingehen in Themen, die einen interessieren. Lesungen besuchen, im Netz schmökern.“
  2. Verfeinere dein Sprachgefühl – ebenfalls mit Lesen! „Überregionale Zeitungen, Abenteuerbücher, Belletristik, all das hilft dabei. Interessant ist zudem, wie Autoren bestimmte Zusammenhänge raffen, um ein Ereignis wiederzugeben.“ Unter nachrichtentisch.de finden sich tagesaktuelle Beispiele aus Nachrichtenredaktionen.
  3. Baue deine Menschenkenntnis aus, schaffe Vertrauen auf Seiten Deiner Gesprächspartner! Journalistische Arbeit beinhalte natürlicherweise oft ein Stück Psychologie: „Wir wünschen uns von Unbekannten, dass sie offen mit uns sprechen“, erklärt Joachim Dresdner. Mancher hat Hemmungen, speziell wenn der Radioredakteur ihm ein Mikro unter die Nase hält. Das Aufnahmegerät zur Seite legen und dem anderen klar machen, dass er etwas Interessantes zu sagen habe, dass viele hören sollten – das kann helfen. „Unsere Gesprächspartner sollten unsere wirkliche Neugier auf sie und ihr Thema spüren!“ Und mancher registriert dann gar nicht, dass das Aufnahmegerät schon längst wieder läuft …
  4. Sich mit Interviewtechniken auskennen. Wer frisch im Journo-Alltag ist, kann erfahrene Kollegen begleiten und sich ihre Fragetaktiken abgucken. Beim Vorbereiten eines Gesprächs sollte man sich genau anschauen, welche Positionen der Interviewpartner bislang vertreten hat und wo man konträr zu ihm liegt. Joachim empfiehlt einen kleinen Handzettel mit den drei wichtigsten Kernfragen. Das verhindert, dass man an einer ausformulierten Frageliste klebt. Und es hilft, genauestens zuhören: Beantwortet der Gesprächspartner Fragen oder weicht er aus? „Beim Interview selbst sollte man Reizwörter heraushören, an der Stelle einhaken und weiter hinterfragen.“ Genau hinhören, ob mein Gesprächspartner etwas bis dato Neues sagt. Dies sofort hinterfragen. Mutig ggf. auf dieses neue Thema schwenken.
  5. Jede Art von Programm gut vorbereiten, viel recherchieren, originell sein. Der Einstieg ist wichtig. Theodor Fontane, er war auch Journalist: „Der Anfang ist immer das entscheidende.“ Die erste Frage muss das Thema treffen! Antwortmöglichkeiten des Interviewten abschätzen und versuchen, verschiedene inhaltliche Varianten der Antworten vorausdenken. Möglichst eine passende zweite Frage parat haben.
  6. Einen Mentor suchen! Das kann generell sehr hilfreich sein – sowohl für die journalistische Praxis als auch für die ungeklärten Fragen des Arbeitsalltags in den Redaktionen.
  7. Eigenes Sprechtraining ausprobieren. Wer sich für’s Radio interessiere, müsse nicht sofort zum Sprechtrainer, meint Joachim. Sein Tipp: Sein Tipp: Einen Text – egal ob Zeitungsartikel oder Belletristik – von etwa zwei Minuten Länge aufnehmen (z.B. mit dem Handy), anhören, analysieren. Wo muss betont werden, ist das Tempo zu langsam oder zu schnell? „Auch als Laie merkt man, wo es hängt“, sagt der DT64-Mann. Zweiter Schritt: Einen Hörfunkjournalisten schnappen und ihn das Gesprochene beurteilen lassen.

Joachim Dresdner ist auch bei Twitter erreichbar unter @dresdner_jo . Gemeinsam mit DT64-Urgestein Stephan Lasch gestaltete er 2014 einen Nachmittag auf dem Leipziger Internetradio detektor.fm – zum 50jährigen Jubiläum des einstigen DDR-Jugendradios. 2016 wiederholten die beiden das Experiment.

Für alle, die mit dem Begriff DT64 nicht mehr viel anfangen können oder sich gern erinnern wollen: Das Blog MeinDT64 ist ein interessanter und mit viel Sorgfalt gestalteter Rückblick, und Moderator Lutz Schramm hat z.B. eine Seite zur Sendung Parocktikum eingerichtet. Unter parocktikum.de gibt es Audios und Manuskripte und Interviews aus der Sendung. Wer nochmal das legendäre „Hiiiiiiitglobus“ und andere Jingles und Mitschnitte hören will: Bei soundcloud das DT64-Soundarchiv, das Soundarchiv2 und DT64-Jingles anklicken! Spiegel Online hat in einem Artikel das Phänomen DT beschrieben, und nicht zu vergessen: Es gibt das (antiquarisch noch vorhandene) Buch zum Jugendradio 1964-1993, herausgegeben von Andreas Ulrich und Jörg Wagner, Thom Verlag Leipzig, 1993. Joachim Dresdner empfiehlt dies besonders: „Weil darin die Experimentierfreude und der Umgang mit den Hörern betrachtet werden – eines der Erfolgsrezepte von DT64.“