#darumfrei: Freiberuflichkeit ist anstrengend, nervig – und großartig

Warum will keiner als freier Journalist arbeiten? Das fragten sich die “Fit für Journalismus”-Blogger Bettina Blaß und Timo Stoppacher, als sie vor kurzem mit Studenten diskutierten. Beide sind gern selbstständig und haben deshalb die Blogparade #darumfrei gestartet. Hier ein paar Gedanken von mir: Nicht 100 Prozent pro-frei und endlos begeistert, aber positiv abwägend.

Der Hauptgrund für den eher verhaltenen Wunsch nach Selbstständigkeit scheint klar: Eine Festanstellung gilt in Deutschland generell noch immer als sicherer und deshalb erstrebenswerter. Zum anderen aber mal die Frage: Bereiten Unis, Verlage oder Journalistenschulen junge Absolventen denn einigermaßen auf die Selbstständigkeit vor? Das war exakt einer der Punkte, die der junge Online-Journalist und SHIFT-Gründer Daniel Höly ankreidete, als ich ihn kürzlich nach seinen Tipps für frische freie Journalisten befragte. Es wird offenbar kaum Gründerspirit vermittelt. Mir selbst fällt nicht eine einzige Veranstaltung oder ähnliches zum Thema Freisein ein, wenn ich an eigene Uni- und Volontariatszeiten zurückdenke. Das war  zwar schon vor etwa 20 Jahren, aber augenscheinlich hat sich nicht viel geändert.

Contra Freisein: Ein Berufsanfang als Einzelkämpfer ist schwieriger

Einen Einstieg in die Medienbranche finden, Redaktionserfahrung sammeln, Bafög zurückzahlen: Speziell am Anfang des Berufslebens haben junge Journalisten einiges zu schultern. Ich kann jeden verstehen, der da erstmal auf Aquise, Rechnung schreiben und Umsatzsteuererklärung verzichten will. Außerdem: Ältere Kollegen als Mentoren können sehr wichtig sein – ebenso die regelmäßigen Einblicke, wie ein Verlagshaus oder ein Fernsehsender arbeitet.

Das alles ist meiner Meinung nach am ehesten in einer festen Stelle zu haben – die aber am Ende nur wenige ergattern werden. Viele meiner Studienkollegen sind ins Freisein gestolpert, ohne dass sie sich konkret dafür entschieden haben. Ein Freund hatte das Glück einer Quasi-Festanstellung bei einer Nachrichtenagentur: Doch er hörte aus Gesundheitsgründen auf, wegen der Nachtschichten. Der bewusste Wunsch, frei zu arbeiten und auch noch Spaß daran zu haben – dies wächst aus meiner Sicht bei vielen mit zunehmender beruflicher Erfahrung. Meist, weil man mit dem bisherigen Arbeitgeber und den Bedingungen unzufrieden ist und/oder den Wunsch hat, etwas Neues zu machen. Der Appetit kommt beim Essen!

Ich selbst fühle mich eigentlich nicht als 100-prozentig Selbstständiger, da ich zwei Arbeitgeber habe – MDR und ZDF – , bei denen ich regelmäßig eingetaktet bin und die mir seit Jahren den Hauptteil des Einkommens sichern. Ich bin zwar relativ gebunden, habe aber dennoch gewisse Freiheiten.

Pro Freisein: Mehr Freiheit, Vielfalt, Erfahrungen

Zum einen bei der Einteilung meiner Arbeitstage: Es bleibt Zeit für einen freien Tag mehr zwischendrin oder ein anderes Projekt. Zum anderen kann man als Freier bei unterschiedlichen Arbeitgebern unterschiedliche Tätigkeitsfelder beackern: Während ich beim ZDF als Nachrichtenredakteur meist im “Innendienst” arbeite, bin ich als Reporter für den MDR mit dem Kamerateam draußen unterwegs. Drittens: Bei jedem Auftraggeber sind andere Skills gefordert, herrschen andere Arbeitskulturen. Vielleicht lerne ich im Haus X etwas, was mir später im Verlag Y helfen kann.

Viertens: Als Freier mit mehreren Standbeinen ist man wirtschaftlich einfach stabiler aufgestellt. Festanstellungen im Medienbereich gaukeln eine Sicherheit vor, mit der es schnell vorbei sein kann – Ex-Kollegen von dapd oder der Financial Times Deutschland wissen das. Und fünftens: Als Freier muss ich nicht unbedingt meinem Job hinterherziehen, sondern kann dort leben, wo ich will – zumindest zeitweise. Für mich persönlich ist es ein großes Plus, dass ich so in meiner Heimatregion in Ostdeutschland, in Leipzig, sein kann. Und wenn ich wieder nach Mainz rolle, freue ich mich auf die Kollegen, die Themen, die Meinungen dort.

Das sind die Pluspunkte des Freiseins, die für mich derzeit überwiegen. Dabei geht es mir ähnlich wie es auch Jürgen Vielmeier in seinem Beitrag zur Blogparade schreibt: Man nutzt die Vorteile oft noch zu wenig. Auch als Freier kann man in Hamsterrädern festhängen, und die Angst dass der nächste Monat nicht gut läuft, lässt viele weit mehr als nur 40 Wochenstunden ackern. Wie viele Stunden ich durch meine beiden Jobs in Zügen oder auf Autobahnen verbringe, rechne ich besser nicht aus – immerhin bin ich da aber in guter Gesellschaft mit vielen Pendlern.

Ein paar Nachteile beim Status Frei sind nicht sofort sichtbar, doch sie sollten nicht verschwiegen werden: Banken etwa sind zurückhaltend, wenn es um Kredite geht. Und öffentlich-rechtliche Anstalten, deren Programme ja oft zum Großteil von Freien gestaltet werden, räumen ihnen längst nicht die Rechte ein, die für Feste gelten.

Trotzdem bin ich gern frei. Es gibt aktuell keine bessere Chance, alle mir wichtigen Dinge unter einen Hut zu kriegen. Die perfekte Festanstellung wird es wohl kaum geben – doch ich hätte nichts gegen eine positive Überraschung :-).

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