„Über Google hinaus zu recherchieren ist wichtiger, als gute Tweets zu schreiben“: Acht Tipps für frische Freie von SHIFT-Gründer Daniel Höly

Daniel Höly ist Diplom-Online-Journalist und Blogger und Gründer des Zeitungsprojektes
Daniel Höly ist Diplom-Online-Journalist, Blogger und Gründer des Zeitungsprojektes „Shift“. Foto: Dietmar Funck

Wenn über Wandel im Journalismus und den Medien diskutiert wird, ist er oft dabei: Daniel Höly, 28 Jahre jung, Diplom-Online-Journalist und Blogger mit einem ordentlichen Maß an Unternehmergeist. Während viele Kollegen Print als nicht mehr zeitgemäß empfinden, setzt er per Crowdfunding seinen Wunsch nach einem niveauvollen Magazin um und bringt SHIFT heraus. Mittlerweile gibt es davon die zweite Nummer. Der Bonner steht außerdem hinter dem Weblog JUICED, hat auch für hr-online, evangelisch.de und die taz geschrieben. Er gibt Bloggerseminare, befasst sich mit Multimedia-Storytelling und hat kürzlich sein eigenes Medienunternehmen gegründet: creedoo fasst SHIFT, JUICED und auch Agenturdienstleistungen zusammen. Viele Hüte auf einem Kopf also – und entsprechend umfangreich ist auch Daniels Tippliste geworden:

  1. „Probiert Euch mehr aus! Und zeigt Geduld und Durchhaltevermögen!“ Das bezieht Höly neben neuen Techniktrends auch auf die Art der Recherche und die Aufbereitung einer Geschichte. Etwas längeren Atem sollten Journalisten mitbringen: „Meine Internetplattform Juiced hätte ich eigentlich nach einem Jahr einstampfen müssen, wäre man streng nach der Reichweite gegangen.“
  1. Gelassener werden und nicht jedem Medientrend hinterherlaufen! Daniel ist überzeugt: Der Versuch von Freien, sich alle möglichen Skills anzueignen und als eierlegende Wollmilchsau den Markt zu erobern, führe oft zu Mittelmaß in allen Disziplinen. „Manchmal ist es besser, erst einmal abzuwarten und zu beobachten, wenn wieder ein neuer Trend ansteht. Denn gefühlt steht jede Woche einer an – da kann man sich leicht verzetteln.“
  1. „Über Google hinaus recherchieren zu können ist wichtiger als einen guten Tweet zu verfassen!“ Daniel Höly sieht die Herausforderung für junge Freie statt bei neuen Technologien eher im grundlegenden Handwerkszeug. Bei der Infosuche sich nicht nur auf Suchmaschinen zu verlassen sollte stärker in den Blickpunkt rücken: „Denn ich glaube, dass meiner Generation ansonsten die Grundfähigkeit zur Recherche langsam abhanden gehen könnte“. Dennoch sollte jeder Freie die gängigen Social-Media-Plattformen und –Werkzeuge in Grundzügen kennen – um ein Gefühl zu haben, wie man mit ihrer Hilfe Geschichten optimal erzählen kann.
  1. Nicht jeder Journalist muss unbedingt selbst bloggen oder twittern. Mit dieser Meinung dürfte der junge Bonner Medienmann einiges an Einsprüchen ernten. Doch er wünscht sich mehr Rückbesinnung auf die wirklich wichtigen Qualifikationen im Beruf: „Followerzahlen sind schließlich kein aussagekräftiges Kriterium, wie gut ein Redakteur wirklich ist.“ Und: Nicht jeder mag die bloggende Selbstdarstellung, und manche wollen ihre Daten auch lieber nicht dem Web ausliefern.
  1. „Man sollte als Freier lernen, seine Fähigkeiten zu vermarkten.“ Damit meint Daniel Höly vor allem das Knowhow der Selbständigkeit, etwa wie man eine Rechnung schreibt, eine Steuererklärung oder ein Exposé. „Das gehört zum freien Journalisten, wenn er wirklich fit für den Markt sein will“ – und sollte aus Daniels Sicht bereits im Volontariat oder im Studium noch stärker vermittelt werden.
  1. Netzwerken. Sich mit Journalisten in Verbindung setzen, und zwar persönlich statt per Twitter – „Ein Anruf etwa macht klar, dass man keine Hemmschwellen bei der Kontaktaufnahme hat“. Konferenzen besuchen wie z.B. „Besser online“ vom DJV oder den „Tag des Onlinejournalismus“ – dort gebe es gute Referenten. Und Kollegen kennenlernen, denn auch daraus können eines Tages Aufträge entstehen. „Nach der ersten Ausgabe von SHIFT haben sich bei mir zwei Redakteure gemeldet, die das Heft gut fanden. Jetzt schreiben sie was für die nächste Ausgabe,“ erzählt Daniel.
  1. Mehr Mut zeigen – zum Gründen! Viele Journalisten seien aus einem gewissen Sicherheitsbedürfnis heraus zu angepasst. Verständlich, aber nicht gut: „Wir müssen zu diesem Sicherheitsdenken, dem Streben nach einer festen Stelle in einem Verlag etwa, einen Plan B finden.“ Höly rechnet damit, dass in den kommenden Jahren einige große Verlage aufgrund mangelnder Anpassung ans digitale Zeitalter eingehen werden: „So werden Journalisten gezwungen sein, selbst zu gründen und eigene Projekte zu entwickeln.“ Für ihn ein gutes Beispiel: das neue Wissenschaftsmagazin Substanz.
  1. Mehr Mut zeigen – eine eigene Schreibe entwickeln! Dies könnte aus Daniels Sicht eine Nische für Freie sein: Gut gemachter Journalismus mit eigenen Standpunkten. „Meine Generation bringt zu wenig eigene Haltung mit, doch gerade die würde interessante Diskussionen anregen und die Medien beleben. Es gibt zu wenige Querdenker in den Redaktionen und zu viel schlechten Meinungsjournalismus“, findet der SHIFT-Gründer. Gutes Beispiel aus seiner Sicht: Das Magazin The European. Auch beim Geschichtenerzählen lohnen sich neue Ansätze: Warum statt der immer gleichen Formate Kommentar, Reportage oder Interview nicht mal neue Erzählformate entwickeln oder New Journalism ausprobieren?

Daniel Höly ist neben SHIFT, JUICED und creedoo vor allem auch auf Twitter und tumblr zu finden.

Tipps für frische Freie gab es schon vom Social-Media-Chef der WELT, Martin Hoffmann, von netzfeuilleton-Autor Jannis Kucharz, Flurfunk-Dresden-Blogger Peter Stawowy, von“Lousypennies”-Blogger Karsten Lohmeyer, Andreas Rickmann, Konrad Weber und Martin Giesler, Fabian Biastoch, Jan Söfjer und Jola Zielinski, Klaus Bardenhagen, Rico Grimm, Fanny Facsar sowie Timo Stoppacher und Bettina Blaß. Was würdet Ihr denn neuen Freelancern raten? Oder seid Ihr selbst grad am Start und habt Fragen? Kommentiert, twittert oder mailt: @heiko_LE bzw. medienpraxis at gmx minus topmail punkt de.

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4 Gedanken zu “„Über Google hinaus zu recherchieren ist wichtiger, als gute Tweets zu schreiben“: Acht Tipps für frische Freie von SHIFT-Gründer Daniel Höly

  1. Chris Umbach 25. Juni 2015 / 20:52

    Genau solche Artikel suche ich als blutiger Blog-Anfänger.
    Artikel, die mir helfen zu verstehen, wie das hier alles eigentlich funktioniert. Danke für die kurze Zusammenfassung!

    Liebe Grüße,
    Chris

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    • medienpraxis 25. Juni 2015 / 21:36

      Hallo Chris, Danke für das Lob :-)! Vielleicht ist ja auch unter den anderen Artikeln hier noch etwas Interessantes dabei. Viele Grüße und viel Erfolg beim Bloggen!

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