Wie man einen Fernsehbeitrag aufbaut – Teil 3: Schneiden und texten

Nachdem es in den vorigen Posts um Aufbau und Dreh von Fernsehbeiträgen ging, widmen wir uns nun dem  Text. Oder besser gesagt: Bild und Text. Denn beides bildet für die Zuschauer eine Einheit. Da visuelle Informationen für unser Gehirn stets eindrücklicher sind als das gesprochene Wort, steht immer die Frage: Passt mein Text zum Bild? Denn das Bild „führt“, Kommentar und Musik sind quasi nur „Diener“. Einen gut strukturierten TV-Beitrag erkennt man unter anderem  daran, dass er auch ohne Ton eine Geschichte erzählt. Probier es mal aus und drücke beim Fernsehen die Stummtaste :-)!

Bevor wir unserem Grob-Text, den wir für unseren Dreh vorbereitet hatten,  also den Feinschliff geben, müssen wir unser Stück schneiden. Meist macht das für uns ein Cutter, doch als Redakteur musst du natürlich auch hier einige Basics kennen.

Ganz kurz etwas zum Schneiden

Grundsätzlich heißt Schneiden, dass Sinnzusammenhänge geschaffen werden. Simples Beispiel: Wir haben Aufnahmen von einem Mann, der auf einem Weg entlangläuft, einem Haus und dessen Haustür. Schneidet man sie in der Folge aneinander, erwarten wir als Zuschauer, dass der Mann – nachdem er auf dem Weg entlang gelaufen ist – als nächstes am Haus anklopfen und/oder es betreten wird. Ein Zusammenhang ist entstanden – eine Sequenz. Diese bildlichen Verbindungen schaffen quasi eine Geschichte – und die muss vom Ablauf her logisch erzählt werden.

Speziell bei Bewegungen ist dabei Kontinuität wichtig: Fährt ein Auto von rechts nach links, darf es nicht in der nächsten Einstellung von links nach rechts fahren. Es sollten keine Achssprünge entstehen, und spielt eine Story im Freien und im Inneren eines Hauses, sollte man zwischen in- und outdoor nicht ständig springen. Versetze dich dazu vielleicht einfach in die Situation eines Guides: Du nimmst den Zuschauer an die Hand und führst ihn in eine ihm bislang unbekannte Welt, etwa einen geheimen Garten mit Laube. Nichts anderes tust du quasi auch mit einem Fernsehbeitrag!

Wie packe ich es nun mit dem Texten? Eines solltest Du immer im Kopf behalten:

1.Jeder Satz muss beim erstmaligen Hören verständlich sein!

Texte deshalb so alltagssprachlich wie möglich. „So als würdest du es deiner Oma erzählen“, sagte mal ein erfahrener Redakteur. Im Alltag benutzen wir auch eher kurze, aktivische Sätze. Bist du dir unsicher, dann stell Dir vor, Du rufst einen Freund an und willst ihm deine Story erzählen. Wie fängst Du an? Wie erklärst du bestimmte Dinge? Schachtelsätze kommen da sicher nicht vor. Und im Übrigen ist die Partizipialkonstruktion eine zu vermeidende.

2.Starke O-Töne auswählen und zu ihnen hinführen!

In vielen Fällen müssen O-Töne von Interviewpartnern angetextet werden. Anderenfalls „platzen“ aus Zuschauersicht da plötzlich Leute in den Beitrag, die man bislang noch nicht kennengelernt hat. Wähle außerdem solche O-Töne aus, die die Sicht der Betroffenen/Beteiligten klar machen – denn Sachinformationen kannst Du selbst in Deinem Text erzählen. Mehr dazu, was man bei O-Tönen beachten sollte, liest Du in diesem Artikel hier auf meinem Blog.

3.Regelmäßig die Bilder ansprechen!

Bilder müssen angesprochen werden, denn sie sind der stärkste Sinnreiz bei einem Fernsehbeitrag. Fernsehtexte folgen meist dem Rhythmus, dass der Bildinhalt mit ein-zwei Sätzen angesprochen wird (“Hier, auf diesem Wanderweg waren die Schmidts unterwegs, als sie plötzlich das Seeungeheuer sahen …”), sich der Text dann vom Bild inhaltlich etwas löst, nach dem Umschnitt auf eine neue Sequenz wieder das Bild anspricht (“Die Fischer mit ihren Booten trauen sich seit Tagen nicht mehr hinauszufahren …”), sich wieder löst, und so weiter. Speziell bei Menschen solltest du darauf achten, dass keine Bild-Text-Scheren entstehen: Es sollte immer der/die zu sehen sein, um den/die es gerade im Text geht. Alles andere wirkt eigenartig.

4.Und zu guter Letzt: Hebe den besten Satz auf!

Für den Moderator und seine Anmoderation! Den Fehler machen auch gestandene Fernsehmenschen immer mal wieder: Sie vergessen schlicht, dass der Moderator auch etwas Textfutter braucht – einen interessanten Fakt, einen interessanten Einstieg, der die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein Thema hinlenkt. Um das zu vermeiden, schreibt man die Anmoderation am besten gleich zu Beginn der ganzen Texterei.

Ein Beispiel für eine gut geschriebene „Anmod“ und einen Beitragstext, der gut auf’s Bild Bezug nimmt, siehst Du hier: Ein Bericht des MDR-Landesmagazins Sachsen-Anhalt heute über den Einzug des ersten Abgeordneten von DIE PARTEI in ein ostdeutsches Stadtparlament.

Ein prima Ratgeber zum Texten für’s Fernsehen ist übrigens „Erzählen statt quälen“ von Rolf Breuer. Er erklärt sehr anschaulich, wie TV aus Zuschauersicht funktioniert und auch, wie man einen Beitrag plant – zwölf Seiten, die sich wirklich zu lesen lohnen!

Damit endet die kurze Reihe über das Entstehen von Fernsehbeiträgen. Welche Themen interessieren dich noch, wenn es um Fernsehjournalismus geht? Über was möchtest du hier im Blog lesen? Kommentiert, mailt oder twittert mir unter @heiko_LE bzw. medienpraxis [kringel] gmx-topmail [punkt] de!

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Ein Gedanke zu “Wie man einen Fernsehbeitrag aufbaut – Teil 3: Schneiden und texten

  1. Jan Doering 10. Juli 2015 / 15:40

    Wirklich ein guter Artikel, der es genau auf den Punkt bringt. Insbesondere dass auch an den Moderator gedacht wird, freut mich als Moderationstrainer besonders 😉

    Ein Hinweis noch zum Aufbau der Anmoderation: Die sollte im besten Fall so aufgebaut sein – der Moderator freut sich, wenn er so eine Anmoderation bekommt 🙂
    – Ear Catcher (also der im Beitrag beschriebene interessante Satz für den Moderator)
    – Hinführung (wir führen langsam zum Beitrag hin)
    – Anbindung (jetzt kommt der Übergang zum Beitrag – gerne auch hier „Lust“ auf den kommenden Beitrag machen)

    Ansonsten ist der Artikel aber auf den Punkt und aus der Praxis!

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