Wie man einen Fernsehbeitrag aufbaut – Teil 1: Organisieren!

Wie baut man einen Fernsehbeitrag? Nicht nur Frischlinge im TV-Geschäft fragen sich das. Auch gestandene Reporter grübeln manchmal, wenn es schnell gehen muss und kein Interviewpartner anbeißt: „Wie soll ich dazu denn was zustande kriegen?“ Die Artikel zum Thema hier auf der Medienpraxis-Seite gehören zumindest zu den am häufigsten gelesenen Blogbeiträgen.

Technician setting up RCA Television Camera

Gehen wir mal vom Idealzustand aus: Du hast Zeit und ein bildstarkes Thema (häufig hat man als Redakteur nur eins oder keins von beidem). Selbstredend ist es eine interessante Geschichte, die für die Zuschauer Neues bietet, zu der du bereits recherchiert hast und Ansprech- sowie Interviewpartner kennst. Nehmen wir an, du planst einen Beitrag über junge Freizeitsportler, die Parkour-Sport betreiben.

1. Schritt: Eine Dramaturgie muss her!

Eine Struktur für den Beitrag entwickeln ist das erste, was anzupacken ist. Wichtig ist in dem Zusammenhang, wo dein Stück laufen soll: Eine Sportsendung wird von Zuschauern mit anderem Hintergrundwissen und Interessen geschaut als z.B. ein tagesaktuelles Magazin, für das unser Beitrag geplant ist.

Die wichtigste Frage aber ist: Was willst du den Zuschauern erzählen? Das sollte sich in einem Satz zusammenfassen lassen, dem Erzählsatz. Der könnte in unserem Fall lauten: Was ist Parkour-Sport überhaupt, und wie geht das? Diesen Satz solltest du immer im Hinterkopf behalten, um stringent auf den Punkt zu texten.

2. Schritt: Entwickle einen Film im Kopf!

Für den roten Faden macht sich ein Ablaufplan gut. In diesem Plan, dem sogenannten Treatment, kannst du alles notieren: Bildinhalte, Interviewfragen und Gesprächspartner sowie den Rohtext.

Wie steigst du nun in einen Beitrag ein? Aus Zuschauersicht ist es in unsrem Fall sinnvoll, mit ein paar Eindrücken vom Parkour-Sport zu starten – denn die meisten dürfte diese Sportart nicht kennen. Dein Beitrag sollte mit den interessantesten Bildern starten und so die Fernsehgucker neugierig machen. „Immer von den Bildern her denken“, predigen gestandene Fernsehmacher. Das ist deshalb der richtige Ansatz, weil optische Informationen unsere Sinne stets am stärksten fesseln. Gegen Bilder anzutexten, etwas grundsätzlich anderes zu erzählen als zu sehen ist, verwirrt die Zuschauer – und führt zu den sogenannten „Bild-Text-Scheren“. Das heißt jedoch nicht, dass du nur wiederkaust, was ohnehin sichtbar ist. Doch der Text sollte sich nicht zu weit vom optischen Inhalt lösen – speziell wenn Personen im Bild sind.

Unsere Bilder geben also vor, wie eine Geschichte erzählt werden kann. Sie sind der Part, den wir am sorgfältigsten planen müssen. Eine der ersten Fragen sollte deshalb sein: Welche Motive gibt die Story her? Manches ergibt sich von selbst (z.B. wenn es um ein neues Bauprojekt geht, zu dem der erste Spatenstich stattfindet), manches muss arrangiert werden.

3. Schritt: Organisiere den Dreh!

Deshalb: Schon beim Telefonieren mit den Interviewpartnern abklopfen, was man bei ihnen filmen kann! Und fragen, ob z.B. eine Drehgenehmigung benötigt wird (etwa auf Firmengrundstücken – dazu zählen auch Bahnhöfe -, oder bei Behörden). Wer Minderjährige filmt, braucht zudem das Einverständnis der Eltern: Drehs in Schulen sollten deshalb früh genug geplant werden.

Je nach Thema kann es wichtig sein, die Lichtsituation zu kennen – damit Kameramann und Assistent das entsprechende Equipment mitnehmen. Außerdem: Ein weißes Blatt Papier oder Tempo-Taschentücher einpacken, für den Weißabgleich der Fernsehkameras.

4. Schritt: Bleib spontan, klebe nicht am Plan!

Wenn du zum Dreh fährst, gib dem Kameramann einen Ausdruck deines Treatments. So weiß er genau, welche Bilder du brauchst und wie dein Beitrag aussehen soll. Übrigens: Fernsehen ist immer Teamarbeit. Ein guter Kameramann wird Dir Einstellungen und Bildausschnitte vorschlagen, auf die Du im Traum nicht gekommen wärst. Auch er ist kreativ, will sein Handwerk gut machen und hat (vielleicht) auch mehr Dreherfahrung als du selbst. Zwar haben Redakteure beim Dreh den Hut auf – aber andere wissen manches unter Umständen besser ;-).

Jeder, der schonmal drehen war weiß, dass meist irgendwas anders läuft als geplant. „Der Film lebt“, heißt es dann. Spontan bleiben und den Beitrag im Kopf umbauen: Der Kameramann mit seiner Erfahrung wird dir dabei helfen.

5. Schritt: Drehe chronologisch und mit guter Laune!

Versuche chronologisch zu drehen, also die ersten Beitragsszenen auch zuerst. Das macht es im Schnitt einfacher, der Cutter muss im Material nicht hin- und herspringen. Um das Material zu Hause sichten zu können, solltest du dem Kameramann eine SD-Karte geben: Auf der werden die Clips mitgezeichnet.

Und nicht zuletzt: Gute Laune mitbringen :-). Prima Klima „am Set“ macht kreativer und überträgt sich auch auf deine Interviewpartner.

Wie kann der Beitrag zu unsrem Beispielthema, den Parkoursportlern, nun aussehen? Unten ist das Video aus dem MDR-Landesmagazin Sachsen-Anhalt heute. Das Team hat übrigens viel Wert auf kleine Details gelegt: Bei den O-Tönen der Interviewpartner und den voxpops (den „Stimmen von der Straße“) sind im Hintergrund die Sportskollegen am Werk. Schöne Idee!

Hier noch zwei Zugaben: Der Journalist Martin Giesler hat für’s ZDF mal satirisch zusammengefasst, wie viele schnellgestrickte Fernsehbeiträge so laufen.

Walulis sieht fern und zieht gern die typischen Macharten von Fernsehbeiträgen durch den Kakao. Schön, wie er vielen Formaten und auch uns Redakteuren selbst dabei den Spiegel vorhält!

Kommenden Mittwoch geht es hier weiter: Mit Beispielen dafür, wie auch sehr abstrakte Themen fürs  Fernsehen umgesetzt werden können. Nie mehr flackernde PC-Lämpchen als Synonym für Internetthemen!

Welche Themen interessieren dich, wenn es um’s Fernsehmachen geht? Kommentiert, mailt oder twittert mir: unter Heiko_LE oder medienpraxis ät gmx minus topmail punkt de.

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2 Gedanken zu “Wie man einen Fernsehbeitrag aufbaut – Teil 1: Organisieren!

  1. Evy 11. April 2015 / 15:59

    Ich will keinen Fernsehbeitrag machen, aber manche Punkte kann man ja auch in anderen Beitragen nutzen. Ich finde, du kannst das gut rüberbringen – eine Mischung aus Allgemeinem und einem Beispiel, ernst, aber ohne „erhobenen“ Zeigefinger. Mir ist das am ersten Abschnitt aufgefallen – „Dramaturgie“ klingt nach durchkomponieren, nach viel Arbeit. Eigentlich muss man aber immer nur besagter Frage folgen: Was will ich erzählen? Und: wie?

    Übrigens: „Medienpraxis ist…“ – blau. Sehr straight und etwas eckig mit zwei knuddligen Blautönen 🙂

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    • medienpraxis 11. April 2015 / 19:29

      Hallo Evy, vielen Dank für Deinen Kommentar :-)! Ja, der erhobene Zeigefinger muss nicht sein, Medienleute kochen auch nur mit Wasser. Und Du hast richtig erkannt, man sollte immer dem Erzählsatz folgen, also der Frage was man erzählen will. Schön auch, dass Dir die Medienpraxis-Seite gefällt :-), ich hoffe Du findest auch in den anderen Artikeln etwas Nützliches für Dich.

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