Als Journalist starten: Tipps für frische Freie – Teil 1

dapd insolvent, Financial Times am Ende, bei Gruner und Jahr, ZDF und anderswo Hunderte Stellen weniger: Richtig ans Herz legen möchte man den Journalistenberuf derzeit eigentlich niemandem. Wer es sich dennoch nicht ausreden lässt, was kann man dem raten? Selbst Kollegen, die lange im Geschäft sind, zucken da derzeit mit den Schultern. Welche Tipps aber haben die Medienmenschen, die sich intensiv mit dem Wandel ihrer Branche auseinandersetzen? Vier von ihnen habe ich gefragt, als das Beratungsbüro Kreacon mich zu einem Workshop für Journalismus-Newcomer einlud. 

Wie kriegt man überhaupt erstmal einen Fuß in die Tür von Medienhäusern? Karsten Lohmeyer, der auf dem sehr lesenswerten Lousypennies-Blog übers Geldverdienen als Journalist im Netz schreibt, empfiehlt den klassischen Weg: Per Telefon sowie persönlich Kontakte knüpfen und Themen anbieten. „Das ist besser als sich in die Mailflut in den Redaktionen einzureihen. Auf Pressekonferenzen gehen, Leute kennenlernen – und dabei im Kopf bereits die Mail fertig haben, die man dem neuen Kontakt anschließend gleich schickt. Außerdem: Auffindbar sein durch ein eigenes Blog, denn ein solches Portfolio zeigt auch die eigene Medienkompetenz! Nischen, um sein eigenes Thema zu finden, gibt es überall – eine Kollegin hat beispielsweise kürzlich den Bereich Tierschutz für sich entdeckt. Es muss Spaß machen, und nicht vergessen: Es gibt viele interessante Felder! Das Schwierigste für viele Freie ist, aus dem Lokaljournalismus herauszukommen. Doch man wird viel eher als Experte für bestimmte Themen registriert, weniger als Edelfeder.“

Seine Themen finden, sich im Netz sichtbar machen„, rät Andreas Rickmann, Absolvent der Axel Springer-Journalistenschule und Social-Media-Fachmann. „Das heißt: Ich bin Experte auf einem Gebiet und habe Bock auf meine Nische. Soviel, dass ich auch Lust habe, abends oder am Wochenende darüber zu schreiben. Der indirekte Mehrwert eines guten Blogs oder der eigenen Twitter-Community ist enorm. Wie man Kontakte findet? Mutig auf Leute zugehen, viel telefonieren und nicht allzu eitel sein. Bestehende Kontakte nutzen, neue gezielt ansprechen. Das Netz ersetzt den persönlichen Kontakt nicht. Nach links und rechts schauen, welche möglichen Auftraggeber es neben den üblichen Tageszeitungen gibt – nämlich ziemlich viele. Sich nicht scheuen, neue Dinge auszuprobieren, unkonventionelle Wege gehen. Niemand muss von Anfang an perfekt sein.“

Der Schweizer Multimedia-Journalist Konrad Weber, der sich intensiv mit der Zukunft des Journalismus befasst, sieht für Freischaffende zwei Wege: „Entweder man konzentriert sich auf ein spezifisches Fachgebiet und „beackert“ dieses auf den verschiedensten Kanälen. Selbstverständlich gehören da multimediale Erzählformen sowie die Diskussion in den entsprechenden Teilöffentlichkeiten in Social Media, Blogs und Foren dazu. Hier könnte es passieren, dass man als Fachspezialist auch für Corporate Publishing-Organe interessant wird – zwischen diesem Feld und dem Journalismus sollte man scharf trennen. Oder man konzentriert sich auf die journalistische Erzählform (zB. grössere multimediale Stücke, Video-Storytelling, Datenjournalismus usw.) und positioniert sich als Formspezialist. Bestes Beispiel sind die Datenjournalisten, die mit ihrer Arbeit als Freie eine Nische besetzen und bereits ziemlich gutes Geld verdienen können.

Allgemein gilt vielleicht die Regel, dass freie Journalisten als Einzelkämpfer in heutigen Zeiten nicht mehr weit kommen. Selbstverständlich zählen noch immer persönliche Kontakte in verschiedene Medienhäuser. Doch immer wichtiger wird auch die Teamarbeit, etwa in den neuen Journalistenbüros, wo Personen mit unterschiedlichen Fachbereichen zu neuen interessanten Agenturen/Unternehmen zusammenfinden. Auf eines sollten junge Journalisten stets achten: Sie sollten ihre Leistung nicht für den Nullpreis oder für ganz unterirdische Preise anbieten. Nur so ist der Preisdruck der Verlage aufhaltbar.“

 ZDF-Kollege Martin Giesler schließlich glaubt, dass gerade der Umbruch in der Medienbranche die besten Chancen zum Einstieg bietet: „Lasst Euch nicht einreden, dass der Journalismus am Ende ist. Am Ende sind nur all diejenigen, die den Wandel nicht mitgehen. Nutzt Social Media! Wer in den Journalismus einsteigen will, muss sich bei Facebook und Twitter mehr als zu Hause fühlen. Und: Einmischen! Egal, ob in sozialen Netzwerken oder – noch besser – mit eigenem Blog! Wer eine Meinung oder Ahnung hat, sollte sich mitteilen, denn es war niemals einfacher, seine Gedanken zu publizieren.“

Nochmal zusammengefasst: Spezialisieren und die eigenen Themen/das eigene Format finden, neue Redaktionen durch persönliche Ansprache kennenlernen, gekonnt Social Media einsetzen und sich zur Marke entwickeln. Kommende Woche gibt es an dieser Stelle mehr Praxistipps von Fernseh-, Print- und Sportjournalisten.
Was würdet Ihr denn den neuen Freien raten? Kommentiert, twittert oder mailt mir: @heiko_LE bzw. medienpraxis [kringel] gmx-topmail [punkt] de.

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5 Gedanken zu “Als Journalist starten: Tipps für frische Freie – Teil 1

  1. Klaus 25. Juni 2013 / 08:07

    Die Tierschutz-Nische finde ich klasse! Vor zehn Jahren hatte uns in einem Seminar schon ein altgedienter Freier-Journalisten-Veteran erzählt, dass er sich auf den Bereich „Wohnen“ spezialisiert hat. Damals fanden wir das noch skurril.

    Video- und Audio-Kenntnisse schaden sicherlich nicht. Schreiben kann jeder irgendwie. Ein gescheites Video drehen nicht.

    Ansonsten: Ins Ausland gehen ist auch eine Option. Besucht mich bei http://www.taiwanreporter.de

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  2. medienpraxis 25. Juni 2013 / 11:24

    Hallo Klaus, Danke für den Tipp mit Video- und Audiokenntnissen! Die Option ins Ausland zu gehen klingt sehr interessant. Wem würdest Du das denn empfehlen? Und wie interessiert sind deutsche Redaktionen an Taiwan-Themen?

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  3. Klaus 30. Juni 2013 / 07:48

    Hallo Heiko, ich würde so einen Schritt nur Journalisten empfehlen, die schon einige Erfahrungen im deutschen Mediensystem gesammelt und Kontakte aufgebaut haben, denn darauf muss man in der Ferne dann aufbauen und zurückgreifen. Taiwan ist ein klassisches Nischenthema, und jede Geschichte muss man von neuem anpreisen. Das kann funktionieren.
    Hier habe ich dem WDR mal mehr dazu erzählt: http://www.wdr5.de/sendungen/neugier-genuegt/s/d/31.08.2012-10.05/b/redezeit-mein-land-taiwan.html

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