Zeitungen: Soviel Krise war noch nie?

Die FTD tot, FR und dapd insolvent, Kürzungen beim Berliner Verlag: Mit Wucht ist der Medienwandel in Deutschland angekommen. Die Bundesagentur für Arbeit spricht von der größten Entlassungswelle in der Presse seit 1949. Für ostdeutsche Journalisten wie für mich hat es dennoch etwas von einem Déjà-vu, denn vor etwa 20 Jahren gab es in den „neuen Bundesländern“ schonmal ähnliches.

Damals kurz nach der Wende setzten die neuen Chefs in den früheren Parteiblättern den Rotstift an. Besonders heftig erwischte es die Zeitungen der Nicht-SED-Parteien: Zu DDR-Zeiten klein gehalten und meist ohne Lokalredaktionen, konnten sie auch nach der Wende den Ex-SED-Zeitungen und deren riesigen Auflagen kaum Paroli bieten. Es begann ein massiver Konzentrationsprozess mit Kürzungswellen, Hunderten von Entlassungen und Mehrfachfusionen. Als sich beispielsweise Ende 1991 in Dresden DIE UNION und die Dresdner Neuesten Nachrichten zusammenschlossen, hieß das quasi: Aus Drei mach Eins. Denn die Dresdner Neuesten Nachrichten waren bereits ein Konglomerat aus Sächsischem Tageblatt und Sächsischen Neuesten Nachrichten, entstanden im Juli 1990. Insgesamt wurden also drei Vollredaktionen eingedampft auf eine. Und der Stellenabbau ging weiter, als die neugeschaffenen Dresdner Neuesten Nachrichten/DIE UNION wenige Jahre später ihren Mantel von der Leipziger Volkszeitung bekamen. Bei vielen anderen Blättern stand am Ende die Schließung: etwa bei der NEUEN ZEIT – die sich der FAZ-Verlag als führende Ost-Tageszeitung erträumt hatte – , dem Morgen oder fast allen Nachwende-Neugründungen. Die ostdeutsche Zeitungslandschaft lichtete sich Anfang der 1990er Jahre erheblich, der Einzeitungskreis wurde (fast) zur Regel – auch in Großstädten wie Leipzig oder Magdeburg.

"Das sind wir" - die Redakteure der frisch fusionierten "Dresdner Neuesten Nachrichten" in der ersten Ausgabe der Zeitung vom 02.12.1991
„Das sind wir“ – die Redakteure der frisch fusionierten „Dresdner Neuesten Nachrichten/DIE UNION“ in der ersten Ausgabe der Zeitung vom 02.12.1991

Unterschied zur Printkrise heute: Anderswo entstand in Größenordnungen auch Neues. Viele der Dresdner Kollegen gingen zum eben gegründeten MDR mit seinen Fernseh- und Hörfunkredaktionen, einige zum Privatradio oder als Pressesprecher zu Behörden und Krankenkassen. Die meisten kamen irgendwo unter, viele waren am Ende recht zufrieden mit ihrem neuen Job.

Heute sind solche Nischen mehr als rar. Glück hat, wer noch einen Fuß in die PR oder Öffentlichkeitsarbeit reinkriegt, denn auch da ist der Markt schon fast zu, schreibt die Karriere-Expertin Svenja Hofert in ihrem Blog. Vor einigen Tagen fragte Jan Söfjer – ausgebildet an der Zeitenspiegel-Reportageschule, mit Referenzen u.a. bei Spiegel Online, Berliner Zeitung und DIE ZEIT  – auf seiner facebook-Seite, ob es noch Sinn macht, freier Schreiber zu bleiben: „Ich möchte nichts anderes machen. Aber wird mir eine Wahl bleiben?“

Frei zu arbeiten – was wird das also künftig heißen? Wohl sicher, dass noch mehr Journalisten ihr Geld neben dem Schreiben in mehr oder weniger artfremden Bereichen verdienen müssen. Schon 2008 traf das laut einer Studie auf jeden zweiten Freien zu. Zweitens, dass Freie zunehmend selbst nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb der Medienhäuser suchen müssen – Stichwort Crowdfunding. Wer eigene Ideen umsetzen oder Themen ohne Lobby beackern will, sollte sich damit auseinandersetzen. Drittens: Journalismus wird vielleicht zunehmend zum Job auf Zeit. Wie bei Michael Knopf, einst preisgekrönter Schreiber bei Süddeutscher und FAS: Nach Schließung seiner Redaktion sattelte er auf Olivenöl um.

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