Journalistendeutsch, Teil 6

Küchenzuruf: Der Begriff klingt etwas spießig, doch er zeigt, wonach Sendungs- und Zeitungsmacher jeden Tag suchen. Das Wort wurde von stern-Gründer und -Chef Henri Nannen geprägt. Es steht als Synonym für die klare Aussage eines journalistischen Textes/Beitrages – und für den Knalleffekt, den möglichst jede stern-Geschichte haben sollte. Das also, was man dem anderen überrascht oder empört in die Küche zuruft, während man selbst gerade Zeitung liest oder fernguckt. Wer die ganze Entstehungsgeschichte lesen will – bitte, hier ist sie.

etwas totrecherchieren: „Das habe ich schon irgendwo gelesen“ – mit diesem Einwurf von irgendeinem Kollegen in der Redaktionskonferenz beginnt für viele Themenideen oft das Totenglöcklein zu läuten. Es wird geprüft: Hatten wir das schon in gleicher oder ähnlicher Art, hatten es die Agenturen vor kürzerer oder längerer Zeit? Ist das Thema überhaupt aktuell und für unsere Leser bzw. Zuschauer relevant? Wer hat zu der Sache was zu sagen, und erreiche ich diese Leute auch? Je länger und intensiver dann recherchiert wird, desto wahrscheinlicher ist dieses Thema – gestorben. Tot, futsch, aus. Denn wer gründlich prüft, findet (fast) immer was.

Zwei-Quellen-Regel: Wichtige Nachrichten und Ereignisse sollten durch stets zwei – voneinander unabhängige! – Quellen belegt sein. Der Ursprung des obersten Prinzips journalistischer Recherche und Sorgfalt wird der BBC zugeschrieben. Die Zwei-Quellen-Regel ist mittlerweile in vielen Statuten von Nachrichtenagenturen, Rundfunksendern etc. verankert – wird im Eifer des Gefechts aber immer wieder mal vergessen oder falsch verstanden.

beauty shot: Der „Schönheitsschnappschuss“ setzt alles gut in Szene, was schick und hochwertig rüberkommen soll: das Hotel im TV-Reisemagazin, Sport-Events, Autos im Werbespot, der Park mit Rosen und Liebespaar in der Telenovela oder die Skyline einer Stadt. Da wird mit Licht gespielt, stundenlang auf den günstigsten Sonnenschein gewartet, postproduziert – ein hoher Aufwand für oft nur wenige Sekunden auf dem Bildschirm.

Saure-Gurken-Zeit: Besser bekannt als Sommerloch. In der Berichterstattung die Zeit der Sommerferien ohne Bundestagssitzungen – und ohne Bundesliga! Dann haben umgekippte Blumenkübel, geklaute Autos von Gesundheitsministerinnen und ausgebüchste Brillenkaimane Hochsaison. Blattmacher und Planungsredakteure graust es davor, für freie Redakteure sind’s meist gute Wochen: Fast jeder Themenvorschlag wird mit Kusshand genommen. Zum Ursprung des Begriffs „Saure-Gurken-Zeit“ gibt es verschiedene Erklärungen – mit Gurken aus dem Spreewald könnte es tatsächlich was zu tun haben.

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