Ägypten, Gutjahr und deutsche Medien: Mehr Vernetzung, bitte!

Richard Gutjahr ist zurück aus Ägypten, die deutschen Fernsehsender und Onlineportale haben nach etlicher Kritik ihre Berichterstattung über Kairo erweitert. Interessant wird sein, ob Sender und Verlagshäuser aus den Schwachpunkten lernen – und ob das Beispiel Gutjahr sie überzeugt, häufiger mit Bloggern bzw. freien bloggenden Kollegen zusammenzuarbeiten. 

Gutjahr informierte per Twitter und Fotos, als die deutschen Sender sich zu einer Liveberichterstattung (noch) nicht verpflichtet fühlten. Er zeigte Stimmungen und Eindrücke von der Straße, die neben Überblick und Analyse für eine ausgewogene Berichterstattung ebenso wichtig sind. Die Meinungen der Demonstranten konnte er – mit leichtem Equipment – oft besser und unverstellter einfangen als viele Fernsehteams. Warum also nicht eine mediale Arbeitsteilung? Lageeinschätzungen und „Round-ups“ aus den Hauptredaktionen und Agenturen mit ihren Korrespondenten und Experten – die  Nahaufnahmen und Zwischenereignisse hingegen von bloggenden Kollegen?

Noch viel zu selten arbeiten Blogger und etablierte Medien in Deutschland zusammen: Eigentlich ein Unding in Zeiten der Vernetzung, wo doch beide voneinander profitieren könnten. Nicht nur, weil Blogger der Berichterstattung mit ihren Notizen eine eigene Farbe geben, die für viele Zeitungen und Onlineportale ohne eigene Korrespondenten interessant sein dürfte. Blogger haben oft das Ohr an der Masse und können wertvolle Informationen liefern. Nicht zuletzt könnte das Einbinden von Bloggern den „klassischen“ Medien vielleicht neue Nutzer zuführen, die sich sonst kaum oder gar nicht per Fernsehen oder Zeitung informieren. Den Bloggern selbst brächte eine solche Symbiose Leser, Anerkennung und hoffentlich etwas Geld in die Kasse. Sie sollten natürlich einen journalistischen Background haben, um Geschichten gut zu erzählen.

In einem Punkt war Gutjahrs Reise auf jeden Fall eine bemerkenswerte Premiere: Als Blogger und freier Journalist ohne Auftraggeber berichtete er von einem Weltereignis und machte den etablierten Nachrichtenquellen gehörig Konkurrenz. Wie Martin Weigert glaubt, wird diese Reise „als Beispiel für den strukturellen und technischen Wandel gelten … , der die publizistische und journalistische Arbeit derzeit kräftig durcheinanderwirbelt.“ Gutjahr habe eine Lanze gebrochen für „alle, die sich für neue Formen von Journalismus und publizistischer Arbeit im digitalen Zeitalter einsetzen“. Mit seinem Reporterehrgeiz und dem richtigen Riecher für den passenden Moment hat er, wie Ulrike Langer meint, viele andere freie Kollegen ermutigt.

Manche bekritteln, Gutjahr übertreibe es mit Selbstdarstellung. Tobias Kaufmann sieht darin jedoch das Markenzeichen eines „freien Journalisten 2.0″: Einer, der sich zum Co-Part seiner Story macht. „Das ist meines Wissens so noch nicht da gewesen …, aber es ist ein legitimes Geschäftsmodell.“  – Es wird interessant sein, wie viele sich bei der nächsten Revolution auf den Weg machen.

Weitere Links zum Thema:

Richard Gutjahrs Website und seine flickr-Galerie

Gutjahr-Interview in der Rhein-Zeitung: Risiko in Kairo wurde zu groß

ohrenflimmern.de: Journalismus und Ägypten – im Osten nichts Neues

Hans Oberberger: Tage des Ruhms – Bloggen aus den Krisengebieten

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